Heisterbach, Bonn und zurück – eine Wiederentdeckung

Lange unbeachtet schlummerte im Depot ein Kaminsturz. Und manchmal warten solche Stücke nur auf den richtigen Zeitpunkt, wieder neu entdeckt zu werden. Ein solcher Zeitpunkt hat sich jetzt ergeben und der Kaminsturz bekommt endlich wieder die Aufmerksamkeit, die ihm lange verwehrt wurde.

Die Chorruine des ehemaligen Zisterzienserklosters Heisterbach im Siebengebirge. Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn.
Die Chorruine des ehemaligen Zisterzienserklosters Heisterbach im Siebengebirge. Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn.

Aber der Reihe nach: 2015 habe ich die Recherchen zu meiner Doktorarbeit über die verstreute Ausstattung der ehemaligen Klosterkirche von Heisterbach im Siebengebirge begonnen. Das 1189/1192 gegründete Zisterzienserkloster wurde im 19. Jahrhundert aufgelöst und in etliche Teile aufgeteilt und verkauft, verschenkt, beraubt. Vieles ist heute verloren und von der Kirche hat sich gerade einmal die Ruine des Chores auf dem Klostergelände erhalten. Aber von manchen Dingen lässt sich eine Spur finden, und wenn wir alles zusammengetragen haben, können wir ein lebendiges Bild des Klosterlebens der vergangenen Jahrhunderte rekonstruieren und erhalten einen Einblick, wie es früher gewesen ist.

Recht bald stieß ich auf die Beschreibung der Kirche und ihrer Ausstattung in einem Kunstinventar des frühen 20. Jahrhunderts, dem ich entnehmen konnte, dass ein paar Gegenstände in das Rheinisches Landesmuseum gewandert waren. In der entsprechenden Beschreibung des Museums war wiederum der Hinweis „Verschiedene Architekturteile, z.B. ein aus der Universitätssammlung stammender Kaminsturz: feines Relief mit bethlehemitischem Kindermord und seitlich Ornamenten“. Also machte ich mich auf in das Museum, um vor Ort herauszufinden, ob der Kaminsturz bis heute erhalten blieb. Dort traf ich auch auf hilfsbereite Mitarbeiter, die mindestens ebenso neugierig und gespannt waren. Ein schneller Blick in die Museumsdatenbank ergab dann auch die Gewissheit, dass der Kaminsturz tatsächlich im Museum inventarisiert ist. Nur ohne Bild, dafür mit Nennung einer Inschrift: DA HERODES SA DAS ER VAN DEN VEISEN BEDROGEN WAR WARD ER ZORNIG UND LIES DIE KINDER ZU BETHLEHEM TÖDTEN (Da Herodes sah, dass er von den Weisen betrogen worden war, wurde er zornig und lies die Kinder zu Bethlehem töten). Einige Zeit später hatten die Mitarbeiter des LVR-LandesMuseums dann den Kaminsturz auch aus dem Depot nach Bonn gebracht, ich verschaffte mir einen genauen Eindruck und er wurde auch professionell fotografiert. Bei der Gelegenheit warfen auch die Restauratoren einen Blick auf das Stück und konnten feststellen, dass hier Arbeit wartet. Man kann die Brüche und fehlenden Köpfe auf dem Foto ganz gut ausmachen.

Der Kaminsturz mit der Darstellung des Kindermordes von Bethlehem. Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn.
Der Kaminsturz mit der Darstellung des Kindermordes von Bethlehem. Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn.

Aber was sieht man noch? Dargestellt ist der Kindermord von Bethlehem, wie er im Neuen Testament (Matthäus 2,16-18) geschildert wird und wie es die Inschrift benennt. Herodes erfährt von den Weisen aus dem Morgenland von der Geburt Christi und schickt sie auf den Weg nach Bethlehem, damit sie für ihn den Aufenthaltsort des Jungen herausfinden. Die drei kehren aber nicht zu Herodes zurück, nachdem sie an der Krippe ihre Gaben dargebracht hatten, und die heilige Familie flieht nach Ägypten. Herodes sieht sich getäuscht und es folgt der Kindermord in Bethlehem, den das Relief zeigt: Man sieht in der Mitte Herodes zu Pferd, gefolgt von seinen Soldaten, wie er die Tötung der Kinder befiehlt. Links führen Soldaten auf sehr brutale Weise den Befehl aus und ringen mit verzweifelten Müttern um ihre Kinder, die sich vor Herodes bereits türmen und nach rechts von weiteren Frauen in Richtung des Stadttores getragen werden. Die Szene verweist auf das Fest der unschuldigen Kinder, das schon seit dem 11. Jahrhundert am 28. Dezember gefeiert wird und zu dem in Klöstern häufig „Kinderfeste“ gefeiert werden. Dabei wird das jüngste Mitglied des Konventes zum „Kinderabt“ ernannt und darf an diesem Tag die Leitung übernehmen.

Das Relief und der zugehörige Kamin wird Ende des 16. Jahrhunderts entstanden sein. In Köln gibt es zu dieser Zeit eine größere Anzahl Bildhauer, die solche Kamine anfertigten und von denen einige überliefert sind, die ganz ähnliche Szenen, Dekorationen und Schrifttypen in den Inschriften zeigen.

Eintrag im Inventarbuch des LVR-LandesMuseum Bonn.
Eintrag im Inventarbuch des LVR-LandesMuseum Bonn.

Damit sind aber für mich noch nicht alle Fragen beantwortet. Denn ein Blick in einen sehr alten Bestandskatalog (Johannes Overbeck: Katalog des königl. rheinischen Museums vaterländischer Alterthümer, Bonn 1851, S. 153) und das originale Eingangsbuch im LVR-LandesMuseum Bonn, von dem wir uns ein paar mehr Informationen erhofften, hat sogar noch Zweifel an der Herkunft gebracht.

Ausschnitt aus dem Bestandskatalog (Johannes Overbeck: Katalog des königl. rheinischen Museums vaterländischer Alterthümer, Bonn 1851, S. 153).
Ausschnitt aus dem Bestandskatalog (Johannes Overbeck: Katalog des königl. rheinischen Museums vaterländischer Alterthümer, Bonn 1851, S. 153).

Also muss die Provenienz noch einmal genau untersucht werden, denn der erste Hinweis stammte ja vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Dort war vermerkt, dass das Relief aus dem Universitätsmuseum in das Landesmuseum, der Nachfolgeinstitution, gelangte. Soweit so gut, aber wie kam es in das Universitätsmuseum? Als Ankaufsdatum ist der 1. August 1846 vermerkt. Darüber hinaus ließ sich diese Frage bisher nicht klären und es muss der Versuch unternommen werden, von der anderen Seite Antworten zu erlangen. Und tatsächlich gibt es in den Akten zur Auflösung des Klosters, die sich heute im Landesarchiv in Duisburg befinden, ein Schriftstück von 1804, in dem die Werte sämtlicher Bestandteile des Klosters notiert sind, für den Fall, dass sich Käufer dafür finden. Und darin ist in der sogenannten neuen Abtei „ihm fateren Sall ein Camin at 4 Rtl.“  notiert. Es stand also ein ansehnlicher Kamin für die Summe von 4 Reichstalern zum Verkauf, der aus einem Aufenthaltsraum der Mönche stammte. Und genau diese Räume wurden seit 2009 von Archäologen des Amts für Bodendenkmalpflege ausgegraben und untersucht. Es besteht also die Hoffnung, dass sich der Ort identifizieren lässt, an dem der Kamin einst stand.

Und so ging es jetzt weiter: In diesem Jahr ergab sich die wunderbare Möglichkeit, den Kaminsturz der Öffentlichkeit zu präsentieren und ihn dafür restaurieren zu lassen. Denn das LVR-LandesMuseum hat im Rahmen der gerade laufenden Zisterzienser-Ausstellung den Kaminsturz an das Siebengebirgsmuseum in Königswinter ausgeliehen. Bereits seit Mai 2017 ist dort wie auch im Kloster Heisterbach die Ausstellung „Zisterzienser in Heisterbach“ zu sehen. Die Ausstellung im Siebengebirgsmuseum erzählt das Thema aus Bonn am Beispiel Heisterbachs bis in die heutige Zeit weiter. Und genau dort sind Teile meiner Untersuchungen, aber auch jener des Amtes für Bodendenkmalpflege und vieler weiterer Forscher zusammengekommen.

 

Katrin Heitmann

 

Hinweis zur Ausstellung:

Die Ausstellung im Siebengebirgsmuseum ist noch bis zum 5.11.2017 zu sehen. Zu der Ausstellung „Die Zisterzienser“ in Bonn und der Ausstellung im Siebengebirgsmuseum gibt es ein vergünstigtes Kombiticket. 3 Orte, 2 Ausstellungen, 1 Ticket. Sie erhalten das Kombiticket an den Museumskassen für 10 Euro, ermäßigt 7 Euro. Das Kombiticket ist auch inklusive VRS-Fahrausweis für 12,60 Euro, ermäßigt 10,30 Euro über http://www.bonnticket.de erhältlich.

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