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Susanne Domke

Wasser – Eine Katastrophe

Flutgeschädigtes Archivgut aus Gemünd in der Vakuumgefriertrocknungsanlage.

In diesen Tagen jährt sich die Flutkatastrophe in der Eifel. In Anbetracht der verheerenden Verwüstungen und menschlichen Schicksale, welche die Flut im Juli 2021 in der Eifel hinterlassen hat, möchte ich im Namen der Restaurierungswerkstätten den Blick auf eine Materialgruppe lenken, die im Katastrophenfall verständlicherweise wenig unmittelbare Aufmerksamkeit erhält:  Archivgut aus Papier – denn mit der Flut gingen leider auch ganze Ortsgedächtnisse verloren.

Am Beispiel der flutgeschädigten Archivalien des Pfarrhauses Gemünd bei Schleiden gebe ich einen Einblick in die vom LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum Brauweiler (LVR-AFZ) koordinierte Notversorgung diversen Schriftgutes. Maßgeblich an der Bergung beteiligt war Archivarin Julia Haberstock, Bischöfliches Diözesanarchiv des Bistums Aachen, die mit mir sehr freundlich und offen ihr Fotomaterial und ihre Erinnerungen teilte. Die Trocknung der geborgenen und tiefgefrorenen Archivalien begann sechs Monate später in der Vakuumgefriertrocknungsanlage der Restaurierungswerkstatt des LVR-LandesMuseums Bonn.

Die Notbergung in Gemünd am 21. Juli 2021

Stück für Stück zieht Julia Haberstock die von Wasser und Schlamm durchweichten Archivalien aus den Metallschränken im Keller des Pfarrhauses St. Nikolaus in Gemünd. Jedes Schriftgut, das sie in ihren Händen hält, muss sie innerhalb von Sekunden bewerten und entscheiden, ob es erhalten oder zurückgelassen wird. Dabei steht sie selbst bis zum Rand der Gummistiefel im Wasser und ist auf das spärliche Licht angewiesen, das durch die zwei kleinen Kellerfenster in den Raum scheint. Seit fünf Stunden arbeitet sie heute – sieben Tage nach der Flutkatastrophe- für den Erhalt wichtiger Unterlagen.

Als Archivarin beim Bischöflichen Diözesanarchiv des Bistums Aachen ist sie vertraut mit den Anforderungen, die unterschiedliches Archivgut an sie stellt, doch ein Einsatz im Außendienst, wie dieser es verlangt, ist eine neue und besondere Herausforderung.

Auf einem Wandvorsprung liegen mehrere durchfeuchtete und verschlammte Aktenstapel, das Wasser auf dem Boden steht ca. 30 cm hoch, darin schwimmen leere Flaschen und Papierfetzen.
Vorgefundene Situation im Pfarrhaus St. Nikolaus in Gemünd am 21. Juli 2021. Foto: J. Haberstock, Bischöfliches Diözesanarchiv Aachen.

Neben kirchlichen Archivalien gab es in der Eifel vielerorts unzähliges flutgeschädigtes Schriftgut aus städtischen und privaten Einrichtungen, das zwar geborgen aber nicht erhalten werden konnte und letztlich auf den riesigen Schutthaufen landete, die wir aus der medialen Berichterstattung kennen.

Die Gemeinschaft der Gemeinden Hellenthal/Schleiden (GdG) schließt auch die Gemeinde Gemünd mit ihrer Kirche St. Nikolaus ein. Alle drei Gemeinden waren von der Flut stark getroffen, die Räum- und Wiederaufbauarbeiten werden auch in den nächsten Jahren nicht abgeschlossen sein.

Der Erhalt von Schriftgut ist im Katastrophenfall verständlicherweise weniger priorisiert, so dass die Schadensmeldungen die zuständigen Stellen oft erst verspätet erreichen. Nachdem Julia Haberstock eine Woche nach der Flut den Hilferuf der Pfarrei erhält, informiert sie sich bei Matthias Senk, Gebietsreferent des LVR-AFZ, über eine situationsgerechte Bergungsstrategie. Als klar wird, dass es in Gemünd vor Ort keine Kapazitäten gibt, die Archivalien zu versorgen, macht sich Julia Haberstock mit einem Kleintransporter, Gummistiefeln und Verpackungsmaterialien auf den Weg von Aachen nach Gemünd, um die Bergung selbst in die Hand zu nehmen. Glücklicherweise ist der bis zur Decke vollgelaufene Keller vorher von der Feuerwehr bis auf 30 cm ausgepumpt worden.

Eine offene Hintertür eines Kleintransporters gibt den Blick frei auf in Folien verpacktes Schriftgut, das gestapelt im Fahrzeug liegt.
Mit geborgenen Akten beladener Transporter am 21. Juli 2021. Foto: J. Haberstock, Bischöfliches Diözesanarchiv Aachen.

Vor Ort trifft sie Karl-Wilhelm Jansen, Stellvertretender Kirchenvorstandvorsitzender der GdG, und Küster Thomas Wergen. Beide stehen ihr bei der Bergung zur Seite, nachdem ihr Eigentum eine Woche zuvor selbst durch die Flut geschädigt worden war. Unterstützt von Gemünder Bewohner*innen und weiteren freiwillig Helfenden, die z.T. aus München angereist waren, gelingt die Räumung des Kellers und die Verpackung der schweren Akten noch vor der Dämmerung.

Das Schriftgut wird in Folien eingeschlagen und in den Transporter geladen. Die Rückfahrt wird Julia Haberstock wegen des modrigen Geruchs immer in Erinnerung bleiben.

Für den nächsten Tag ist ein Tiefkühllogistikunternehmen angekündigt, welches das Schriftgut abholen und an einen ihrer Tiefkühlstandorte bringen soll – in diesem Fall nach Troisdorf. Schon nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs im Jahr 2009 war das Unternehmen beauftragt worden, die historischen Archivalien sprichwörtlich in ihrem Zustand einzufrieren, somit vor biologischem Befall und Zersetzung zu schützen und bis zur Trocknung zu lagern.

Auch das LVR-LandesMuseum Bonn ist in dem Zuge Teil eines Notfallverbundes zur Rettung wassergeschädigter Archivalien geworden. Mit unserer guten konservatorischen Infrastruktur – Fachpersonal, Depots, Kühl- und Gefrierräumen, Vakuumgefriertrocknungsmöglichkeiten und Transportfahrzeugen – unterstützen wir das LVR-AFZ im Notfall. Die von Julia Haberstock geborgenen Archivalien aus Gemünd kommen nach ihrer Zwischenlagerung im Tiefkühllager zu uns nach Bonn mit dem Auftrag, sie in Zeiten geringer Auslastung zu trocknen.

Die Vakuumgefriertrocknung in Bonn von Januar bis Juni 2022

Gewellte Blätter, leicht verbogene Buchdeckel und brauner, feiner Staub zeichnen die Archivalien auch nach der Trocknung noch als wassergeschädigtes Material aus. Juliane Bausewein beginnt die mit umlaufenden Mullbinden gegen Verwerfungen geschützten Dokumente vom Rollwagen zu nehmen. Die Luke der Anlage steht dabei offen, die Vakuumpumpen laufen nach und das letzte Eis, das sich an den Kältefallen gesammelt hat, taut langsam ab. Wieder ist ein mehrwöchiger Trocknungszyklus abgeschlossen. Monate nach der Flutkatastrophe entpacken und wiegen wir die von Julia Haberstock geretteten Dokumente aus der Vakuumgefriertrocknungsanlage. Überraschend halte ich plötzlich Bücher und Akten aus meiner Heimat in den Händen. Das löst in mir ein besonderes Gefühl der Verbundenheit aus. Denn eigentlich sind wir zuständig für die Konservierung archäologischer Organikfunde wie Nasshölzer in Form antiker Wasserleitungen oder Brunnenelemente, die in unserer Vakuumgefriertrocknungsanlage ihren finalen Schritt der Holzkonservierung durchlaufen. Seit nun fast einem Jahr bestücken wir die Anlage allerdings ausschließlich mit tiefgefrorenen Archivalien aus der Eifel, die durch die Flut geschädigt wurden.

Durch möglichst baldiges Einfrieren und eine anschließende Gefriertrocknung können wassergeschädigte Dokumente gerettet werden. Bei der Verpackung ist bestenfalls darauf zu achten, dass die Unterlagen durch Folienlagen voneinander getrennt werden, um nicht miteinander zu vereisen. Der Film „Schützen, Sichern, Bergen. Notfallvorsorge im Archiv“ des LVR-AFZ informiert auf anschauliche Weise sowohl über das sachgerechte Verhalten bei Brand- und Wassereinbruch in Archive als auch über den Prozess der Vakuumgefriertrocknung. Für organische Materialien – seien es Obst und Gemüse in der Lebensmittelindustrie, konserviertes archäologisches Nassholz oder Leder im Museum oder flutgeschädigte Archivalien – bietet die Vakuumgefriertrocknung eine materialschonende Möglichkeit der Trocknung.

„Schützen, Sichern, Bergen. Notfallvorsorge im Archiv“ Film des LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrums Brauweiler auf YouTube.

Juliane Bausewein schiebt den nun leergeräumten Rollwagen in den Gefrierraum. Nach dem Wiegen der Dokumente bestückt sie ihn neu mit den dort gelagerten, gefrorenen Archivalien. Wenige Minuten später schließt sie die Luke der Vakuumkammer, schaltet die Kältefallen zu, kontrolliert die Werte im Display und verzeichnet den Beginn eines weiteren Trocknungszyklus in den Unterlagen. Ein Blick durch die Fenster der Luke verrät, dass bei diesem Durchgang drei Ebenen des Rollwagens mit ca. 60 kg Akten belegt sind.

Aus der geöffneten Röhre der Gefriertrocknungsanlage zieht die Restauratorin den Rollwagen mit den darauf getrockneten Archivalien heraus.
Restauratorin Juliane Bausewein beim Entnehmen der getrockneten Archivalien aus der Vakuumgefriertrocknungsanlage. Foto: S. Domke, LVR-LandesMuseum Bonn.

Bislang erhielten wir über 850 kg flutgeschädigtes Material, das es zu trocknen galt. Darunter waren Archivalien der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands – Bundesverband e.V., der Evangelischen Kirchengemeinde Rheinbach, der Fürstlich von Arenbergischen Verwaltung Mayschoss, der Evangelischen Kirchengemeinde Opladen und des Bischöflichen Diözesanarchivs Aachen, welche wiederum Akten aus Roetgen und eben Schleiden-Gemünd beinhalteten.

In geöffneten Kartons lagern getrocknete Bücher.
Getrocknete Kirchenbücher, Akten und Fotos der Pfarrgemeinde Gemünd, verpackt und abholbereit in säurefreien Kartons. Foto: S. Domke, LVR-LandesMuseum Bonn.

Die von Julia Haberstock aus dem Pfarrarchiv Gemünd geretteten Dokumente, unter denen sich Ringaktenhefter und Fotos bis hin zu in vergoldetem Leder gebundene Kirchenbücher befinden, sind nun trocken und werden in säurefreien Kartons verpackt. Besonders wertvolles oder fragiles Schriftgut wird nach Rücksprache mit dem LVR-AFZ direkt in die dortige Konservierungswerkstatt verbracht.

Das von Julia Haberstock geborgene Schriftgut ist nun um 130 kg Wasser leichter und wartet auf seine Rückkehr nach Gemünd.

Mit dem Hinweis auf die durch das LVR-AFZ koordinierte Notfallversorgung möchten wir als Restaurierungswerkstatt des LVR-LandesMuseums Bonn auf die Möglichkeit zur Rettung von wassergeschädigtem Archivgut aufmerksam machen. Es fühlt sich richtig an, auch ein Jahr nach der Flutkatastrophe weiterhin dazu beitragen zu können, ein Stück Kulturgut und damit ein Stück Heimat an Gemünd und die Eifel zurückzugeben.

[Susanne Domke, Restauratorin für organische Funde, Nassholz und Gefriertrocknung, LVR-Landesmuseum Bonn]

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