Kategorien
Adelheid Komenda

Zum Tod von Martin Langer (1956-2022)

Schwarz-weiß Porträt von Martin Langer. Er trägt eine runde Brille und ein Hawaii-Hemd.
Martin Langer. Foto: Martin Langer, Website des Fotografen.

„Hereinspaziert“ – steht einladend auf der Webseite des Fotografen Martin Langer und weiter wird der interessierte Besucher/die interessierte Besucherin mit einem lockeren „Moin“ begrüßt. 

Unkonventionell und offen war Martin Langer auch in unserer Kommunikation sowohl per E-Mail als auch am Telefon; doch zu einer persönlichen Begegnung kann es leider nicht mehr kommen, denn Martin Langer verstarb viel zu früh und völlig unerwartet in der letzten Woche. Fest zugesagt hatte er sein Kommen zur Eröffnung unserer Ausstellung „Deutschland um 1980. Fotografien aus einem fernen Land“, eine Gruppenausstellung, an der er beteiligt und die bereits auf seiner Webseite angekündigt ist. Niemand hat gedacht, dass dies seine letzte Ausstellung sein würde.

Mit ca. 40 Fotografien ist Martin Langer in der Ausstellung präsent. In der Auswahl der Arbeiten finden sich politisch intendierte Motive wie die Demonstration gegen Nachrüstung am Weltfrauentag in Bielefeld (1983) oder die Blockade-Aktion gegen Atomtransporte im Wendland (1984) – allesamt Themen, die angesichts der gegenwärtigen weltpolitischen Situation kaum an Aktualität zu übertreffen sind. Auch serielle Arbeiten sind zu sehen, so die Hausschlachtung bei Familie Tölle (1982), Motive vom Haushaltsgeräte-Hersteller MIELE (1982) und nicht zuletzt Fotografien aus „Land des Lächelns“ (1983/84). Zu letzteren Motiven hatten wir uns noch rege wegen der Begrifflichkeit verständigt. Handelt es sich hierbei um eine Serie? Dazu schrieb Martin Langer: „Bei Serie erwarte ich eher etwas strenger Konzeptionelles. Aber falsch ist es auch nicht. (…) ’subjektiver Realismus’ ist es (…).“

Cover eines Bildbands. Schwarz-weiß Fotografie von zwei alten frauen in Pelzmantel mit mürrischen Gesichtsausdruck. Darüber in gelb der Titel.
Cover von Martin Langers letztem Buchprojekt „Land des Lächelns“. Foto: Martin Langer, Website des Fotografen.

In allen Aufnahmen wird Martin Langers Meisterschaft deutlich, sein klarer Blick auf die Situationen, auf die beteiligten Protagonisten. Er war ein Meister des Erzählens und seine Bildgeschichten zeigen sein feines Gespür, seine hohe persönliche Zugewandtheit und die außerordentliche Fähigkeit, Satire als fotografisches Stilmittel gezielt einzusetzen. Mit wachem Blick war er im Alltag unterwegs und fing derartige Motiven ein, wobei diese eher ihn fanden, als dass er sie gezielt gesucht hätte. Martin Langer war ein sehr politischer Mensch, der mit seinen Motiven Stellung bezog und eine klare Haltung deutlich machte. Er war ein besonderer, ein sehr umgänglicher Mensch mit einem eigenen Kopf – ein echter Charakter. Mit ihm verliert nicht nur der deutsche Bildjournalismus einen ehrlichen, unabhängigen und unbestechlichen Vertreter, sondern die Welt einen „wunderbaren Fotografen und Menschen“, wie Michael Streck schreibt.

Schwarz-weiß Fotografie eines Mannes auf einem Fahrrad. Zwischen Paletten und Waschmaschinentrommeln fährt er vom Fotografen weg und kehr ihm den Rücken zu.
Haushaltsgeräte-Hersteller MIELE in Gütersloh, 1982. Foto: Martin Langer © Deutsche Fotothek/Martin Langer

Aufgewachsen im niedersächsischen Göttingen folgte nach einer fotografiefremden Lehre ein Studium zum Fotodesigner mit dem Schwerpunkt Bildjournalismus an der FH Bielefeld und einem Abschluss bei Jürgen Heinemann. Ab 1992 war er als freier Fotograf für Zeitschriften, Verlage, Agenturen und Direktkunden von Hamburg aus tätig. Neben den Auftragsarbeiten beschäftigte sich Martin Langer immer auch mit eigenen Projekten.

Seine bildnerischen Schwerpunkte lagen in den Bereichen News-Feature, Sozial-Reportage, Reise und Foto-Satire im gesellschaftlichen Alltag. Seine Arbeiten befinden sich in verschiedenen öffentlichen wie auch privaten Sammlungen; auch war er mit seinen Aufnahmen an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland beteiligt.


[Dr. Adelheid Komenda, Kuratorin der Ausstellung „Deutschland um 1980. Fotografien aus einem fernen Land.“, LVR-LandesMuseum Bonn]

Weitere Informationen:

Website Martin Langer: https://langerphoto.de/

Nachruf der Deutschen Fotothek Dresden: SLUB Dresden Blog: „Nachruf: Der Fotograf Martin Langer ist tot“

Nachruf vom Stern: stern.de

Nachruf auf Spiegel Online: Spiegel.de

Informationen zu Ausstellung „Deutschland um 1980. Fotografien aus einem fernen Land.“: LVR-LandesMuseum Bonn

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.