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Susanne Haendschke

Zwischen Marburg, Bonn und Oxford

Am 27. Januar, dem internationalen Holocaust Memorial Day, postete das Ashmolean Museum Oxford auf Instagram das Bild eines Kamels der Tang Dynastie. Dieses Kamel, so erklärt der dazugehörende Text, gehörte einst dem Marburger Archäologie-Professor Paul Jacobsthal (1880-1957), der 1936 vor den Nationalsozialisten nach Oxford fliehen konnte. Dort lehrte und forschte er zu vorchristlicher und keltischer Kunst. Das Kamel war bereits in seinem Marburger Institut sein persönlicher Talisman, in Oxford stand es am Fenster seiner privaten Wohnung in der Banbury Road und gelangte aus dem Nachlass ins Ashmolean Museum. 

Der Post des Ashmolean Museums am 27. Januar über das Kamel von Jacobsthal.

Mit Prof. Dr. Paul Jacobsthal eng verbunden – beruflich und auch privat – war Eduard Neuffer (1900-1954), der ehemalige Direktor des Rheinischen Landesmuseums. Neuffer kam 1931 als Direktorialassistent an unser Museum, wurde Abteilungsleiter und schließlich 1949 Direktor des Museums. Von 1928 bis 1930 war er Jacobsthals Assistent am Archäologischen Institut der Universität Marburg. Zusammen bereisten sie die Schweiz, Spanien und Frankreich, um umfangreiches Material zu keltischer und vorrömischer Kunst zu sammeln und private und museale Sammlungen zu erfassen. Diese gemeinsame Forschungsarbeit bildete die Grundlage für einen lebenslangen wissenschaftlichen Austausch, der unter anderem in zahlreichen Postkarten dokumentiert ist: kurze Hinweise auf aktuelle Fachliteratur und Zeichnungen von neuesten Grabungsfunden werden ausgetauscht, in längeren Briefen werden Fund-Zuschreibungen und –Interpretationen diskutiert, schließlich auch private Neuigkeiten mitgeteilt.

Neuffer am Rheinischen Landesmuseum

Zu Eduard Neuffers Aufgaben am Rheinischen Landesmuseum gehörte ab 1931 neben der Neukonzeption und Modernisierung der Dauerausstellung auch die fachliche Leitung der Bibliothek. Für die bibliothekarischen Arbeiten wie Erwerbung und Katalogisierung war die Bibliothekarin Helene Weidler (1908-1989) verantwortlich. Neuffer entwickelte ein Sammlungsprofil, führte die Bibliotheksbestände des Landesmuseums und des Vereins von Altertumsfreunden im Rheinlande zusammen und sonderte Dubletten aus.

Mit dem Bestand der Bibliothek war Neuffer also bestens vertraut, als er am 1. Dezember 1940 als Kriegsverwaltungsrat zum Kunstschutz Paris versetzt wurde, um dort das Referat Archäologie zu leiten. Seine Zeit im besetzten Paris nutzte er, um dort in Antiquariaten gezielt nach französischer Fachliteratur zu suchen und diese zu günstigen Konditionen zu erwerben.

Diese Pariser Erwerbungen werden seit längerem schon auf ihre Provenienzen untersucht[1], um herauszufinden, ob sich darunter Raub- oder Beutegut befindet.  Die Recherchen im Archiv des Landschaftsverbands Rheinland, im Hauptstaatsarchiv des Landes Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und im Bundesarchiv in Berlin förderten interessante Dokumente wie Kaufbelege, Devisenabrechnungen und umfangreiche Korrespondenz zutage. Als besonders brisant erwiesen sich Briefe aus dem Archiv des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI, Berlin), die belegen, dass Neuffer 1944 als Wachmann im KZ Jawischowitz, einem Außenlager des KZ Auschwitz, eingesetzt war. Dies war weder im Entnazifizierungsverfahren noch in anderen Quellen der Nachkriegszeit erwähnt worden.

Dieser Archivfund warf zahlreiche Fragen auf.

In allen bisher gesichteten Archivalien waren keine politischen Äußerungen Neuffers aufgefallen. Gab es vielleicht in anderen Archiven Korrespondenz mit privateren Anmerkungen zum politischen Geschehen? Doch Neuffer blieb auch nach intensiven Recherchen nicht richtig greifbar und die Angaben zu seinen (politischen) Einstellungen und Überzeugungen sehr widersprüchlich.

Aufschlussreiche Notizbücher?

Ein grüngebundenes Notizbuch liegt auf Akten. Man sieht mit Maschine geschriebene Zettel und Abbildungen von Funden.
Archiv Paul Jacobsthal, Archivbox JAC Box 20. Foto: School of Archaeology, University of Oxford.

Aufschlussreich, so die Hoffnung, könnten Briefe und persönliche Aufzeichnungen Paul Jacobsthals sein, der seit den gemeinsamen Forschungsreisen weiterhin in engem Kontakt zu Neuffer stand. Jacobsthal hielt auch nach seiner Entlassung 1935 brieflichen Kontakt zu Neuffer und äußerte sich in Briefen an Dritte über Neuffers Tätigkeiten am Rheinischen Landesmuseum sowie im Archäologischen Kunstschutz. Diese Briefe, Tagebücher und Notizhefte werden im Archiv des Institutes of Archaeology in Oxford aufbewahrt.

Cover eines Aktenordners mit handschriftlichen Notizen.
Notizbuch Nr. 73, 1930 Archiv Paul Jacobsthal. Foto: School of Archaeology, University of Oxford.

Waren in diesem Quellenmaterial neue Erkenntnisse zu Neuffers beruflichen Projekten und Tätigkeiten, möglicherweise auch zu seiner politischen Einstellung zu finden?

Im November 2019 konnte Jacobsthals Nachlass in Oxford genauer untersucht werden. Ausgewählt wurden dazu die 125 Notizbücher, in denen er tagebuchähnlich seine Forschungsreisen durch Europa dokumentierte, festhielt, welche Sammlungen er besucht und erfasst hatte, Zeichnungen besonderer Objekte und Ornamente anfertigte und ab und zu ironische Randbemerkungen zu einzelnen Fachkollegen machte. Hier finden sich zahlreiche handschriftliche Einträge Eduard Neuffers in seiner charakteristischen Handschrift mit präzisen Fundbeschreibungen und Zeichnungen, teils auf derselben Seite wie Jacobsthals Einträge, teils nachträglich ergänzend verfasst. Diese gemeinsamen Notizen belegen die enge, vertraute wissenschaftliche Zusammenarbeit. Briefe, Postkarten, Notizzettel und Fotos dokumentieren einen stetigen Austausch über archäologische Sammlungen und Objekte. Beide diskutieren Zuschreibungen und Interpretationen vorchristlicher Skulpturen und weisen sich gegenseitig auf neue Literatur hin. Noch 1941 schickte Neuffer „mit herzlichen Grüßen“ den Sonderdruck eines Beitrags von Kurt Exner zu provinzialrömischen Emailfibeln nach Oxford – auf welchem Weg auch immer! Jacobsthal betont in einem Brief an das Committee for Advanced Studies (1947), auch nach 1939 von Neuffer mit Bildmaterial versorgt worden zu sein.

Blick in ein Notizheft von Jacobsthal. Unterschiedliche Handschriften zeigen, dass sowohl Jacobsthal wie auch Neuffer darin geschrieben haben.
Eintrag Eduard Neuffers, Notizbuch 73 (1930). Foto: School of Archaeology, University of Oxford.

Nach dem Krieg führten beide ihre Korrespondenz weiter und auch der private Kontakt wurde enger. So besuchten schon 1948 zwei von Neuffers Kindern Jacobsthal in Oxford. Neuffer selbst reiste 1949 zu ihm und nutze auch 1954 eine Exkursion mit Studierenden nach London zu einem kurzen Besuch in Oxford.

Jacobsthal wiederum besuchte Neuffer und das Landesmuseum möglicherweise bereits 1948. Nachgewiesen ist ein Besuch im Juli 1950 (oder 1952?), und dank einer Postkarte Neuffers wissen wir auch, in welchem Hotel Jacobsthal untergekommen ist: „Hotel Muskewitz, Dechenstr. 5, ruhig und honorig, 7 Mark pro Tag“.

Die bisher ausgewerteten Archivalien aus Oxford zeigen, dass sich das Verhältnis zwischen Jacobsthal und Neuffer von einem fachlich-beruflichen auch zu einem privaten entwickelte. Der Umgangston in der Korrespondenz wird weniger distanziert und dafür persönlicher, zum wissenschaftlichen Austausch gesellen sich Informationen über die Familie. Allerdings finden sich weder in Jacobsthals noch in Neuffers Briefen Bemerkungen zu politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen der Nachkriegszeit. Der Krieg selbst, Erfahrungen im Exil (Jacobsthal) oder als Wehrmachtssoldat (Neuffer) werden – zumindest in den bisher ausgewerteten Archivalien – nie erwähnt. Ob dies auch für die persönlichen Gespräche gilt, wissen wir natürlich nicht. Möglicherweise zeichnen andere Archivalien, die bisher nicht gefunden oder noch nicht ausgewertet werden konnten, ein anderes Bild.

Bemerkenswert scheint aus heutiger Sicht, dass das gemeinsame Forschungsinteresse an keltischer und vorchristlicher Archäologie eine tragfähige Basis für die Beziehung (Freundschaft?) beider Männer bilden konnte.

Sobald es möglich ist, werden die Archivrecherchen fortgesetzt.


[Susanne Haendschke, Leiterin der Bibliothek des LVR-LandesMuseums Bonn]

Zum Weiterlesen:

Ulmschneider, Katharina; Crawford, Sally: The Camel that Escaped the Nazis: Paul Jacobsthal and a Tang Camel at the Ashmolean – In: Oxoniensia 81 (2016), S. 87-98.

Dies.: Paul Jacobsthal’s Early Celtic Art, his anonymous co-author, and National Socialism : new evidence from the archives. – In:  Antiquity 85 (2011), 327, S. 129-141.

Haendschke, Susanne: Eduard Neuffer und das Referat „Vorgeschichte und Archäologie“ des militärischen Kunstschutzes in Paris (1940-1942). –In: „Als künstlerisch wertvoll unter militärischem Schutz“ / Hrsg. E.R.Heyer. – Köln : Böhlau, 2022. –  S. 377-390.


[1] „Herkunft: Dr. Neuffer, Paris“: Anmerkungen zu ausgewählten Erwerbungen der Bibliothek des Rheinischen Landesmuseums Bonn 1940 bis 1944 / Susanne Haendschke. In : Beihefte der Bonner Jahrbücher, Bd. 59 (2019), S. 139-149.

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