Kategorien
Gastblogger

„Polaroid is back“

Herbert Döring-Spengler und das Revival der Polaroidfotografie

Foto einer alten Polaroid Sofortbildkameras-
Eine alte Polaroid Kamera. Foto: Filmphotography.eu

Polaroid is back – das zumindest proklamiert Herbert Döring-Spengler in seinem neuesten Werkzyklus von 2021. Darin überführt er originale Polaroidbilder aus den 1980er Jahren ins Digitale und unterzieht sie einer erneuten Überarbeitung. Aber ist dem wirklich so? Lässt sich im digitalen Zeitalter tatsächlich von einem Comeback des Polaroidbildes sprechen oder beobachten wir in Zeiten von Social Media lediglich ein zeithistorisches Phänomen, einen Retro-Boom, der so schnell wieder verschwinden wird wie er kam?

Eine Antwort auf diese Frage wird sich schwerlich finden lassen, da trotz rasanter technischer Neuerungen ein Blick in die Zukunft (zumindest noch) nicht möglich ist. Die endgültige Insolvenz und Geschäftsaufgabe der Firma Polaroid lässt zunächst aber zumindest faktisch festhalten, dass weder Polaroid noch deren Produkte zurück sind. Was allerdings tatsächlich ein Revival erfährt, sind Sofortbildkameras, die sich der Ästhetik und der Markenlizenzen Polaroids bedienen. An einer Nachfrage scheint es also nicht zu mangeln und so stellt sich nun die Frage, was denn eigentlich zurück ist. Das Sofortbild, das innerhalb von Minuten physische und haptische Gestalt annimmt? Das exklusive (Foto-)Objekt, das nur einmal existiert? Oder ist es nicht vielmehr der nostalgische Gedanke an vergangene Dekaden voller Revolutionen und Entdeckungen?

We create beautiful tools to capture the meaningful moments in life.[1]

Dieses Versprechen erhält man auf der Homepage der Firma Polaroid, die zuletzt 2008 Insolvenz anmeldete und nun erstaunlicherweise wieder fotografische Produkte anzubieten scheint. Bei genauerer Betrachtung stellt man jedoch fest, dass sich heute eine neue Firma dahinter verbirgt, die Polaroid mitsamt ihrem über Jahrzehnte aufgebauten Kultstatus aufgekauft hat. Dieser war letztendlich auch die treibende Kraft für den Fortbestand der Firma und verhalf maßgeblich zum Erfolg zahlreicher Crowdfundingkampagnen, die wiederum eine beinahe nahtlose Weiterführung der Firma unter der Leitung des „Impossible Project“ möglich machten. Das Projekt hat sich zur Aufgabe gemacht, ein Revival der analogen Instantfotografie einzuleiten und macht bis heute medienwirksam u.a. mit Creative Director Lady Gaga auf diese Bestrebungen und seine neu aufgelegten „Polaroid Originals“ aufmerksam.

Die Erfolgsgeschichte der Firma Polaroid begann mit dem Physiker Edward Herbert Land (1909-1991), der bereits 1933 Polarisationsfolien entwickelte, die in den folgenden Jahren als Basis der neuen Sofortbildtechnik dienen sollten. Nachdem im Jahre 1888 mit der Einführung des Rollfilms und der ersten Boxkamera der Grundstein für eine mobilere Fotografie abseits von (meist teuren) Fotostudios gelegt wurde, entwickelte sich die Fotografie immer deutlicher zu einem massenkompatibleren und somit erschwinglicher werdenden Medium für jedermann. Die darauffolgenden Jahrzehnte waren von rasanten (Neu-)Erfindungen hinsichtlich Kameratechnik, Film und Fotozubehör und einem daraus resultierenden Marktkampf der verschiedenen Firmen geprägt. Die Firma Polaroid begann so ab 1947, sich mit ihrer Sofortbildtechnik ein lukratives Alleinstellungsmerkmal zu schaffen: eine neuartige Technik, die sonst nirgends angeboten wurde.

Bearbeitetes Polaroidbild einer jungen Frau.
Herbert Döring-Spengler: Pubertät, 2021, Polaroid-Interpretation auf Hahnemühle-Papier. Foto: Herbert Döring-Spengler.

Die Technik des Sofortbildes begann schnell, Amateur*innen wie Künstler*innen gleichermaßen zu faszinieren. Künstler- und Fotografengrößen wie Andy Warhol oder Helmut Newton entdeckten die neue Technik für sich[2] und nutzten das Polaroidbild zur unmittelbaren Fixierung visueller Eindrücke und künstlerischer Interventionen. Auch diente das Polaroidbild einigen Künstler*innen als Ausdrucksmittel in Form von rasterartigen Collagen, wie beispielsweise bei David Hockney oder Joyce Neimanas. Es folgten im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche Ausstellungen, die sich dem neuen Medium in seiner künstlerischen Auseinandersetzung widmeten, wie etwa 1977 unter dem Titel „Das Sofortbild Polaroid“ in der Aktionsgalerie Bern oder die Präsentationen von Anna und Bernhard Blume auf der legendären documenta 6. Und auch in die Populärkultur hielt das Polaroidbild Einzug, beispielsweise als Symbol für eine Suche nach dem eigenen Ich in Wim Wenders Spielfilm „The American Friend“ von 1977 oder sogar in Tobe Hoopers Horrorklassiker „The Texas Chainsaw Massacre“ von 1974, in dem das Polaroidbild mit seiner Instantaneität das drohende Unheil und die nächsten Opfer ankündigt. Aber auch wissenschaftlich wurde sich bereits in den 1970er Jahren innerhalb der Grundsatzdiskussion um Status und Stellenwert der Fotografie mit dem Polaroidbild und seinen medienimmanenten Besonderheiten auseinandergesetzt. In den aktuellsten Publikationen zur Polaroidfotografie, die diese als ganzheitliches historisches Phänomen abhandeln (u.a. von Dennis Jelonnek und Peter Buse), findet sich dazu ein einführender Überblick sowohl in Diskurse der 1950er bis 1980er Jahre, als auch in aktuelle Diskussionen und Entwicklungen.[3]

„Das Sofortbild ist ein Unikat, welches eine momentane ausgewählte Situation schildert, die nur schwerlich genau gleich, nur ähnlich ein zweites Mal hergestellt werden kann.“[4]

Das Polaroidbild scheint in seiner Hochphase der ausgehenden 1970er Jahre im Vergleich zur analogen Fotografie besonders durch seine Prädisposition als quasi unberechenbares Medium von besonderem Reiz gewesen zu sein: das Fehlen ausgefeilter Blenden und Regler und insbesondere das eines Negativs lässt die Kamera ein Unikat „ausspucken“, das innerhalb von Minuten sichtbar und zudem haptisch greifbar wird. Auch der Autodidakt Herbert Döring-Spengler war von diesem neuen Medium sofort angetan, da es keine Vorbereitung, kein Studium der fotografischen Prozesse erforderte. Er konnte von nun an mit seiner neu erworbenen SX-70 direkt durch die Straßen ziehen und instantane Bilder produzieren, wobei schließlich der Mensch sein Interesse weckte und zum Motiv seiner Wahl werden sollte. Doch der Prozess innerhalb der von der Kamera vorgezeichneten Grenzen wurde ihm rasch zu repetitiv, sodass er sich auf die Suche nach Möglichkeiten machte, das fotografische Polaroidbild so zu gestalten, dass es seinen ganz eigenen, neuen künstlerischen Ansprüchen gerecht werden konnte.

Bearbeitetes Polaroidbild mit einem Mann und einer Frau.
Herbert Döring-Spengler: Paar, 2021, Polaroid-Interpretation auf Hahnemühle-Papier. Foto: Herbert Dörig-Spengler.

„Als Spezifikum des Polaroiden ist sicherlich auch das kurze Zeitfenster der beobachtbaren Entstehung des Bildes zu nennen und damit natürlich auch der fast einmalige Vorgang, in das apparative Entstehen des Medienbildes haptisch eingreifen zu können.“[5]

Auch für Herbert Döring-Spengler war gerade dieses spezifische Moment der Polaroidfotografie von besonderem Reiz. Warum er das erste Polaroidbild in einen Toaster steckte, kann sich der Künstler jedoch heute selbst nicht mehr erklären – er beschreibt es als einen übermächtigen inneren Impuls, dem er nachzugehen hatte. Mit erstaunlichen Ergebnissen: durch die Hitze der Heizdrähte wird ein Eindringen in die Schichten des Bildes ermöglicht und so durch gezielte Manipulation der chemischen Prozesse eine ganz eigene, stets unvorhersehbare Bildkomposition kreiert. Auf diese Weise fand Herbert Döring-Spengler Anfang der 1980er Jahre zu einer ganz eigenen individuellen Bildsprache zwischen Abstraktion und expressiver Figürlichkeit.

Fotografie einer Arbeit von Herbert Döring-Spengler auf einem großen Stück LKW-Plane.
Herbert Döring-Spengler: Amor und Psyche, 1991, C-Print nach Polaroid-Fotografie auf LKW-Plane. Foto: Herbert Döring-Spengler.

So auch die Serie seiner re-inszenierten Motive von Edvard Munch, die spätestens seit einer Künstlerresidenz in dessen ehemaligem Atelier in Ekely (Norwegen) 1999 eine besondere Faszination auf ihn ausüben. Nachdem Reinhold Mißelbeck ihn auf inhaltliche Parallelen zu dem norwegischen Künstler aufmerksam gemacht hat, gelangte er an jenes Arbeitsstipendium und begann dort, ausgewählte Motive in Zusammenarbeit mit Modellen nachzustellen und so neu zu interpretieren. Diese Szenerien fotografierte er mit seiner Polaroid-Kamera und verfremdete die herausrollenden Fotopapiere jeweils innerhalb des kurzen Zeitfensters ihres Entwicklungsprozesses. Anschließend legte er diese neu entstandenen Foto-Objekte auf einen Leuchtkasten, fotografierte sie erneut mit einer analogen Kamera und überführte sie abschließend in großformatige Drucke auf unterschiedlichste Trägermaterialien wie Dibond, Stoff, LKW-Plane oder sogar Toilettenpapier.

Das von Herbert Döring-Spengler damals benutzte Filmmaterial ist heute so nicht mehr erhältlich, die Gründe hierfür sind vielfältig. Es könnte jedoch u.a. daran liegen, dass die Technik in dieser Form in unserer digital geprägten und hochtechnisierten Welt tatsächlich keinen nennenswerten oder gar lukrativen Stellenwert mehr hätte. Schaut man sich die wiederaufgelegten Kameras an, muss man schließlich unweigerlich feststellen, dass auch hier das Digitale Einzug in die eigentlich rein analoge Welt des Polaroidbildes gehalten hat. So musste auch Herbert Döring-Spengler auf diese Veränderungen reagieren und bediente sich in seiner Neuauflage der Munch-Serie von 2021 statt einer manuellen nun der digitalen Nachbearbeitung und Manipulation seiner fotografischen Bildvorlagen.

Polaroid is back kann an dieser Stelle somit als Verbildlichung des viel zitierten „Iconic Turns“, eines Umschwungs vom Faszinosum des Analogen zu einer digitalen Welt voller neuer Möglichkeiten angeführt werden. Die vorliegende Serie bildet eine Hybridform zwischen analog und digital und baut eine Brücke zwischen den Revolutionsgedanken der 1980er Jahre[6] und dem Jetzt. Der Hang des globalisierten Menschen zur Nostalgie und dem Schwelgen in vergangenen, stets „besseren“ Zeiten verhalf dieser nach heutigen Standards veralteten Technik auf diese Weise zu neuer Anerkennung und verankerte in Form von Instax und Co eine neue Form der Sofortbild-Fotografie in der heutigen Gesellschaft. Vielleicht wird in einigen Dekaden ebenso nostalgisch auf die 2020er und ihre dann veraltete Technik zurückgeblickt werden – und diese erfährt dann womöglich einen ganz ähnlichen Retro-Boom wie die Polaroid-Fotografie heute.


[Jelena Albers, wiss. Hilfskraft am LVR-LandesMuseum Bonn und Co-Kuratorin der aktuellen Ausstellung zu Herbert Döring-Spengler.]

Die Ausstellung „Herbert Döring-Spengler ‚Egal, wie du es siehst, ich sehe es anders.'“ ist im LVR-LandesMuseum Bonn bis zum 23. Januar 2022 zu sehen.


Nachweise und Anmerkungen:

[1] https://eu.polaroid.com/pages/about-us

[2] Warhol sogar bereits in den 1950er Jahren (!)

[3] Siehe u.a. Peter Buse: The Camera Does the Rest, Chicago 2016 oder Dennis Jelonnek: Fertigbilder: Polaroid Sofortbildfotografie als historisches und ästhetisches Phänomen, München 2020.

[4] Gerhard Johann Lischka: „Das Sofortbild“, in: Ders. (Hg.): Das Sofortbild Polaroid, Bern 1977, S. 6.

[5] Meike Kröncke / Rolf F. Nohr (Hg.): Polaroid als Geste – über die Gebrauchsweisen einer fotografischen Praxis, Museum für Photographie, Braunschweig, 2005, S.14.

[6] Das Polaroid als „Ausdruck einer Kulturfaszination“, siehe Rolf Behme: Foto-Fix: es blitzt viermal, Dortmund 1996, S, 20.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.