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Es ist nicht alles Gold, was glänzt…

Eine Goldlederkasel in der Restaurierungswerkstatt des LVR-LandesMuseums Bonn

Kasel vor der Restaurierung. Sie liegt auf einer schwarzen Plastikfolie
Bereits vor der Restaurierung sind Verzierungen erkennbar. Foto: J. Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn.

Wenn bei archäologischen Ausgrabungen Funde ans Tageslicht kommen, ist nicht immer auf den ersten Blick klar, was man vor sich hat. Manchmal auch nicht auf den zweiten. So auch bei einer baubegleitenden Ausgrabung der Firma Goldschmidt Archäologie und Denkmalpflege im Sommer 2017 in Düren-Rölsdorf. Auf dem Areal einer alten Pilgerkapelle und späteren Kirche wurden menschliche Überreste in Gräbern aus dem 17. Jahrhundert entdeckt. Eines dieser Gräber zog die besondere Aufmerksamkeit aller Beteiligten auf sich: Ein großes Lederstück bedeckte die Knochen des Verstorbenen. Nicht nur der Erhalt dieses Materials im Boden ist eine Besonderheit. Ein metallisches Aufblitzen in goldenen und silbernen Farbtönen unter dem Schmutz versprach etwas ganz Besonderes!

So gelangte das Leder in die Restaurierungswerkstatt des LVR-LandesMuseums Bonn, wo ich es im Rahmen meines zweijährigen wissenschaftlichen Volontariats konserviere, restauriere und ihm dabei seine Geheimnisse entlocken möchte.

Ein ungewöhnlicher Fund: Was haben wir denn hier?

Bei der Bergung zeigte sich, dass es sich bei dem Lederfund um zwei Stücke handelt. Als diese in die Restaurierungswerkstätten des LVR-LandesMuseums eingeliefert wurden, eilte ihnen die Beobachtung von goldenen oder silbernen Anhaftungen bereits voraus. Doch worum es sich tatsächlich handelte, wusste niemand. Trug der Verstorbene vielleicht eine Lederjacke? War er mit einer Art ledernen Decke zugedeckt? Oder vielleicht war auch der Holzsarg, in dem er lag, mit Leder bezogen? Und warum glänzte es an manchen Stellen so metallisch? Diese Fragen galt es zu klären!

Als Restaurator*innen haben wir nicht nur die Aufgabe, fragile Objekte zu sichern, ausstellungsfähig zu machen und in einen „lesbaren“, d. h. wissenschaftlich auswertbaren Zustand zu bringen. Wir beschäftigen uns auch mit der Frage, wie ein Objekt hergestellt wurde, welche Materialien verwendet wurden, welche Funktion es hatte und was es uns womöglich über seinen Besitzer verraten kann.

Diesen Fragen widmete ich mich parallel zu der praktischen Bearbeitung des Leders. Denn wenn man an einem Objekt arbeitet, schaut man ganz genau hin, oft auch durch ein Mikroskop. Bereits bei der ersten intensiven Sichtung zeigte sich ganz deutlich, dass die Lederoberfläche komplett verziert ist. Unterschiedliche Strukturen, Formen und Farben waren zu erkennen. Da sich solche Formen im Laufe der Jahrhunderte stetig veränderten, lassen sie eine kunsthistorische Datierung zu. Die an Blätter und Blüten angelehnten Formen sind sehr typisch für das 17. Jahrhundert. Wir haben es also mit einem Stück aus dem Barock zu tun. Restaurator*innen sind gut vernetzt und so fand sich schnell der Hinweis, dass es sich hier um sogenanntes „Spanisch Leder“ handelt. „Spanisch Leder“ ist auch als „Goldleder“ bekannt. Dabei wird Leder flächig mit Blattsilber versehen. Ein gelb-brauner Lacküberzug verleiht ihm die goldene Farbe. Von echtem Gold also keine Spur. Punzen und Stempel strukturieren die Oberfläche, die zusätzlich noch bemalt wurde – also genau die Charakteristika, die unser Lederstück aufweist! Goldleder ist vor allem in Form von aufwändigen, barocken Wandtapeten bekannt. Doch beschränkte man sich nicht darauf: Kissen, Stühle und ganze kirchliche Gewänder sind vereinzelt bekannt. Da das Grab, aus dem unser Leder stammt, innerhalb der alten Kirchenmauern lag, schienen liturgische Gewänder eine naheliegende Lösung zu sein. Doch kommen sie selten einzeln vor, sondern als Ensembles aus mehreren Stücken.  Als ich nach der Reinigung der Oberseite das Lederstück wendete, war mit einem Mal alles klar: Von den Falten der Rückseite halb verborgen, fanden sich zwei weitere Lederobjekte. Die gleiche Lederverzierung zeigte eindeutig, dass es sich um zusammengehörige Stücke handelte. Die zwei schmalen Lederstreifen, einer kürzer, einer länger, passten haargenau zu den vorangestellten Überlegungen. Wir haben hier ein liturgisches Ornat, namentlich Kasel, Stola und Manipel aus verziertem Leder.

Liturgische Gewänder: Was ist das überhaupt?

Wer – wie ich – nicht zu den regelmäßigen Kirchgänger*innen gehört, wird sich erst einmal fragen, was denn liturgische Gewänder eigentlich sind. Dabei handelt es sich um Kleidungsstücke (sogenannte Paramente), die im Rahmen des Gottesdienstes vom Priester getragen werden. Die Bezeichnung umfasst eine Vielzahl an Einzelstücken, die dem jeweiligen klerikalen Amt entsprechend getragen werden.

Bei unserem Ornat handelt es sich um Kasel, Stola und Manipel, deren Bedeutung ich hier kurz vorstellen will.

Mögliche Rekonstruktion und Trageweise von Kasel, Stola und Manipel.
Mögliche Rekonstruktion und Trageweise von Kasel, Stola und Manipel. Foto: J. Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn; Rekonstruktion: Thea Schuck.

Die Kasel ist das Messgewand eines Priesters oder Bischofs. Als Obergewand wird es über einem langen, weißen Untergewand getragen. Die Bezeichnung geht auf lat. „casula“ zurück, was kleines Haus bedeutet und das vollständige Verhüllen des Trägers betont. Durch das Verhüllen tritt der Träger als individuelle, zivile Person zurück und macht Platz für den Dienst, das Amt und die Repräsentation Christi. Die Form der Kasel hat sich stark verändert. Während des Barocks war die „Bassgeigenform“ in Mode, die auch unsere Goldlederkasel aufweist.

Die Stola ist das Amtszeichen des Priesters. Sie wird in Form eines Schals um den Hals getragen, sodass beide Enden gleichförmig etwa knielang herunterhängen. Meist sind nur die trapezförmigen Enden zu sehen, da die Stola unter der Kasel getragen wird.

Der Manipel (von lat. manipulus: Handtuch) sieht der Stola sehr ähnlich, ist aber deutlich kürzer. Während der Heiligen Messe wird er über den linken Unterarm gelegt.

Da die drei Kleidungsstücke zueinander gehörten, war auch ihre Ausarbeitung aufeinander abgestimmt. Für eine würdige Gestaltung der Liturgie wurden kostbare Materialien verwendet. Ab dem Hochmittelalter wurden die Stoffe, meist aus kostbarer Seide, mit aufwändigen Stickereien verziert. Im Barock fand diese Entwicklung ihren Höhepunkt mit üppig verzierten Paramenten aus kostbaren Seiden- und Brokatstoffen, häufig verziert mit Gold- und Silberfäden. Umso ungewöhnlicher, dass es sich bei unseren Stücken um Exemplare aus Leder handelt. Doch lassen sich vor allem im süddeutschen Raum, der Schweiz und Österreich immer wieder Lederkaseln finden. Alle stammen aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Sie sind aufwändig gearbeitet und bestehen aus Goldleder. Die Bemalung in Form von Blüten und Ranken orientiert sich sehr stark an den Stickereien der Seidenkaseln. In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) war der Handel mit den hochwertigen Textilien nahezu zum Erliegen gekommen und zu Beschaffendes war sehr teuer. Leder, das vor Ort hergestellt werden konnte, bot eine geeignete Alternative. Im 19. Jahrhundert wurde Leder als Hauptbestandteil für liturgische Zwecke allerdings verboten. Es war nicht würdig genug.

Die Restaurierung: Was macht man denn da?

Nach einer ausführlichen Sichtung und Dokumentation der Lederfragmente, konnte schließlich die praktische Bearbeitung beginnen: Die Restaurierung und Konservierung.

Vorher und Nachher Fotos von einem Stück der Kasel, das gereinigt wurde.
Auf dem Leder hafteten sehr viele Larvenhüllen. Erst nach der Reinigung wurde das Leder sichtbar. Foto: J. Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn.

Bei Funden aus Bestattungskontexten hat man nicht immer nur mit schönen Beigaben zu tun. Auch die weniger schönen Seiten bleiben uns Restaurator*innen nicht erspart. So waren Kasel, Stola und Manipel neben Verschmutzungen durch Erde und Pflanzenreste mit Unmengen von Larvenhüllen bedeckt, aus denen einmal Maden geschlüpft waren. Mit Handschuhen und Atemschutzmaske bewaffnet, galt es also die lockeren Verschmutzungen und Larvenhüllen abzusaugen. Mit Pinsel und Skalpell rückte ich fester sitzenden Verschmutzungen zu Leibe. Diese Herangehensweise war hier möglich, da sowohl die Versilberung als auch die Malschichten sehr stabil waren und ich keine Bedenken haben musste, dass sie sich ablösten. So wurden unter einem Mikroskop auch kleine Verschmutzungen entfernt. Damit kam die Oberfläche zum ersten Mal richtig zum Vorschein und zeigte ihre aufwändigen Details: Gold- und silberglänzende Oberflächen wechselten sich mit schwarzen, floralen Mustern ab, während die gesamte Oberfläche mit verschiedensten Formen geprägt und gestempelt war. Linien, Kreise, Rauten und sogar Blüten zieren das komplette Leder. (Mehr dazu und wie die Materialien vor einer Bearbeitung bestimmt werden, erfahrt ihr im nächsten Blogbeitrag.)

Thea Schuck begutachtet ein Stück des Objekts unter dem Mikroskop und reinigt es.
Die Reinigung erfolgte unter einem Mikroskop. Foto: R. Fröhlich, LVR-LandesMuseum Bonn.

Nun war zwar klar, dass es sich um liturgische Gewänder handelte und dass sie wunderbar verziert waren. Da sich vor allem die Kasel durch den langen Zeitraum, in dem sie in der Erde vergraben war, stark verdrückt hatte, ließen sich jedoch weder die Maße noch die Machart ablesen und auch das Gewand als Ganzes war nicht erfassbar. Je nachdem, wie gut Leder erhalten ist, kann manchmal eine Rückformung möglich sein. Hier muss jedoch sehr vorsichtig vorgegangen werden, da das Material auf keinen Fall Schaden nehmen darf. Da die Erhaltung des Leders einen sehr guten Eindruck machte, konnte ich es wagen: Zuerst probierte ich an einem kleinen Stück vorsichtig aus, wie sich das verformte Material mit aufliegendem Silber und Bemalung bei einer Rückformung verhielt. Es wurde in eine kleine, luftdichte Kammer gelegt, in der die Luftfeuchtigkeit erhöht wurde. Durch die Feuchtigkeit wird das spröde Leder wieder etwas flexibel. Mit kleinen Gewichten wurde daraufhin der rückzuformende Bereich Millimeter für Millimeter in Position geschoben. Diese Vorgehensweise funktionierte sehr gut, sodass bislang verborgene, gut erhaltene „goldene“ Bereiche zu Tage kamen. Durch die nun erkennbare Form und Gestaltung konnte ich das kleinere Lederstück als Teil der Kaselrückseite identifizieren. Die Rückformung führte ich nur an Bereichen durch, von denen ich mir einen Erkenntnisgewinn versprach und deren Erhaltungszustand es auch zuließ. Daher hat die Kasel auch nach der Restaurierung noch einige Falten, wie es sich mit ca. 300 Jahren auch gehört. Ihre ursprüngliche Form, Größe und Machart können aber wieder abgelesen werden.

Nach einer Sicherung der Randbereiche war die Bearbeitung abgeschlossen. Während Stola und Manipel in Archivkartons mit angepassten „Betten“ aus aufgeschäumten PE-Schaum verpackt wurden, war die Kasel mit ca. 57 x 82 cm dafür deutlich zu groß. Sie benötigte eine eigene Konstruktion, die als Verpackung dienen, ihr aber auch als unterstützende Unterlage bei einer Präsentation dienen kann. Dabei haben wir Restaurator*innen neben den eigentlichen Objekten immer auch ein Auge auf die Materialien, die für die Verpackung genutzt werden. Enthalten sie Stoffe, die dem Objekt schaden können? Ich fertigte eine zweiteilige Gipsverschalung aus rückseitigem Boden und einem Deckel für die Vorderseite an, die den Formen und Wölbungen des Leders genau folgt. In der maßgefertigten Schutzverpackung liegt die Kasel nun sicher und lässt sich problemlos transportieren. Dabei schützt der Gipsdeckel das Leder während der Lagerung gleichzeitig vor Licht. Das ist notwendig, da organische Materialien wie Leder durch Lichteinfall geschädigt werden. Deshalb sind solche Objekte in Museen auch oft nur sehr schwach beleuchtet.

Die Bearbeitung des Goldlederornats ist mittlerweile abgeschlossen. Doch da liturgische Gewänder aus Goldleder so ungewöhnlich sind, stellt sich die Frage: Wer war denn eigentlich der verstorbene Kaselträger? Die Kleidung weist ihn eindeutig als Kirchenmann aus. Die geringe Größe des Grabes deutet auf eine eher kleingewachsene Person hin. Doch handelt es sich um den ortsansässigen Priester mit einem Hang zu außergewöhnlicher Kleidung? Oder war es doch ein Pilger, der den weiten Weg aus dem süddeutschen Raum oder der Schweiz auf sich genommen hat, um die Reliquien des Rheinlandes aufzusuchen? Das 17. Jahrhundert war auch in Düren-Rölsdorf vom Dreißigjährigen Krieg und Pestwellen geprägt. Schriftliche Quellen sind entsprechend knapp gesät. Einen Namen zu unserem Kaselträger zu finden, wird kaum möglich sein. Naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden bieten zumindest die Möglichkeit anhand von Isotopen in Knochen und Zähnen die Herkunft der Person zu bestimmen. Mit der Radiocarbonmethode, besser bekannt als 14C-Datierung, kann gesagt werden, wann der Verstorbene gelebt hat. Doch auf diese spannenden Informationen müssen wir leider verzichten. Die menschlichen Überreste, die während der Ausgrabung 2017 gefunden wurden, haben auf dem Friedhof von Düren-Rölsdorf bereits wieder ihre wohlverdiente, nun hoffentlich ewige Ruhe gefunden. Seine Identität nahm der Kaselträger mit in sein neues Grab und überlässt es uns, weiter zu spekulieren.

Im zweiten Teil zu diesem Beitrag erfahrt ihr, wie die Goldlederkasel hergestellt wurde und wie wir die einzelnen Materialien identifizieren können. Außerdem begleitet ihr mich bei dem Versuch, ein Stück Goldleder selbst herzustellen.


Thea Schuck, wiss. Volontärin in der Restaurierung des LVR-LandesMuseum Bonn.

2 Antworten auf „Es ist nicht alles Gold, was glänzt…“

[…] Im ersten Teil dieses Beitrags ging ich der Frage nach, worum es sich bei dem ungewöhnlichen Lederstück handelt. Unter dem großen Stück Leder kamen noch zwei weitere, kleine Lederstücke zum Vorschein. Und so konnte ich herausfinden, dass wir es hier mit einem Ornat liturgischer Gewänder, bestehend aus Kasel, Stola und Manipel zu tun haben. Das Ornat ist aus reich verziertem Leder, sogenanntem Goldleder, hergestellt. Paramente, vor allem liturgische Kleidung, aus Goldleder sind ungewöhnlich. Meist bestanden sie aus kostbaren Seidenbrokatstoffen. Goldleder wurde vor allem in Form lederner Wandbehänge, sogenannter Goldledertapeten, in sehr reichen Häusern verwendet. So kann man sie beispielsweise in Schlössern des 16. bis 18. Jahrhunderts finden, wo sie den repräsentativen Räumen bis heute einen ganz besonderen, luxuriösen Charme verleihen. Entsprechend gibt es auch einige historische Quellen, die die verwendeten Materialien und Herstellungsweisen beschreiben. Auf diese können wir uns bei der Frage nach der Herstellung der Kasel stützen. Denn neben der Konservierung und Restaurierung, deren Schritte ihr im ersten Beitrag verfolgen konntet, gehen wir Restaurator*innen bei solch außergewöhnlichen Stücken auch der Frage nach, welche Materialien und Methoden zur Herstellung dieser Luxusmaterialien verwendet wurden. Daher schauen wir uns in diesem Beitrag an, aus welchen Materialien die Kasel hergestellt wurde und welche Arbeitsschritte dazu nötig waren. […]

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