Reisezeit!

Sommerferien in Nordrhein-Westfalen. Reisezeit hier bei uns und überall in Deutschland. Koffer packen, ab mit der Familie in Auto, Bahn oder Flieger und los geht’s. Volle Straßen, volle Strände, lebhafter Trubel in den beliebten Urlaubsregionen und reichlich ausgebuchte Hotels und Ferienwohnungen, gelegentlich auch Stau oder „kein Liegestuhl mehr frei“.

Was das mit unserer Zisterzienserausstellung zu tun hat? Auf den ersten Blick schwer vorzustellen: Sommerferien gab es für die Mönche nicht, sondern den steten arbeitsreichen Tagesablauf.

So sah der Tagesablauf in einer mittelalterlichen Zisterzienserabtei aus. Bild: M. Pütz, LVR-LandesMuseum Bonn.
So sah der Tagesablauf in einer mittelalterlichen Zisterzienserabtei aus. Bild: M. Pütz, LVR-LandesMuseum Bonn.

Auch verreisen durfte ein Zisterziensermönch nicht. Er hatte sich mit seinen Gelübden zur sogenannten „stabilitas loci“ verpflichtet, der Treue zum Ort seines Klosters, das er nur in Ausnahmefällen auf explizite Anweisung seines Abtes verlassen durfte. Doch einmal im Jahr, ein klein bisschen wie bei uns zum Ferienanfang, wurden gleichzeitig in allen mittelalterlichen Zisterzienserabteien, in jedem einzelnen der über 650 Klöster, Reisevorbereitungen getroffen und „Bündel geschnürt“.

Nicht um Ferien zu machen, sondern weil das Mutterkloster in Cîteaux alle Äbte aller Abteien zum sogenannten Generalkapitel nach Cîteaux rief. Dort wurden jährlich für den Orden wichtige Themen besprochen, Beschlüsse gefasst, Regeln festgelegt und Streitfragen besprochen. Außerdem demonstrierte der Orden so seine Geschlossenheit nach außen. Dazu reisten Äbte mit höchstens 2 Begleitern aus Skandinavien und den Niederlanden, aus Spanien und Italien, aus Polen und Tschechien, aus Deutschland, ja schlicht überall her durch Europa, um am 14. September im Mutterkloster Cîteaux zu sein.

Dies ist ein Ausschnitt aus der Animation, die in der Ausstellung „Die Zisterzienser. Das Europa der Klöster“ zu sehen ist. Copyright Animation (c) Architectura Virtualis GmbH (http://www.architectura-virtualis.de/), Marc Grellert, Egon Heller.

Man reiste, je nachdem aus welchem Teil Europas man anreisen musste und wie weit die Reise war, per Schiff, Pferd oder zu Fuß. Staus auf Autobahnen und fehlende Liegestühle waren kein Thema… aber ganz fremd waren auch den Zisterziensern Probleme und Folgen einer solchen großen „Reisewelle“ nicht. Denn die Unterkunft während der Reise war durch Gästehäuser in den Klöstern oder den Grangien und Stadthäusern des eigenen Ordens gewährleistet. Die Äbte trafen sich dort, um strategisch günstig und möglichst sicher, gemeinsam die weite Reise zu unternehmen. Somit muss es auf den Klöstern auf dem Reiseweg einen ganz schönen Rummel gegeben haben. Und je näher man Cîteaux kam, desto voller waren die Gästehäuser. Am Ziel angekommen, konnte man immerhin etwa 500 Äbte einschließlich ihrer Begleiter und Gepäck antreffen.

Wie die Begrüßung der Gäste in einem Kloster zu erfolgen hatte, wird in den Statuten der Ecclesiastica Officia deutlich: die Handschrift aus Ljubiljana in der Ausstellung hat genau diesen Abschnitt aufgeschlagen.

„89. Die Aufnahme von Gästen
Die Gäste sind dem Ortsabt oder in seiner Abwesenheit dem Prior zu melden. Wenn ein Gast zu melden ist, während (die Brüder) bei der Kollatslesung sitzen, wird er dem gemeldet, der der Kollatslesung vorsteht, und auf seinen Wink hin gibt der Pförtner einem der Brüder, die vom Abt des Klosters für diese Aufgabe bestimmt wurden, ein Zeichen. Jeder Abt soll in seinem Kloster dem Pförtner solche (Brüder) zuweisen, die er für geeignet hält. Wenn ein Gast ankommt, während die Komplet gesungen wird, nimmt der Pförtner das Buch und, wenn nötig, eine Blendlaterne, begibt sich gegen Ende der Komplet zur Stalle des Abtes und meldet ihm den Gast […]“

Handschrift: Ecclesiastica Officia. Foto: National and University Library, Ljublijana.
Handschrift: Ecclesiastica Officia. Foto: National and University Library, Ljublijana.

Übrigens: Die jährliche Reise nach Cîteaux hatte für die Äbte wohl kaum den Charakter einer Ferienreise, sondern eher den einer nicht immer besonders geliebten und mit einigen Mühen verbundenen, aber doch notwendigen „Dienstreise“. Ihr Erscheinen im Mutterkloster war Pflicht – fehlen durfte nur, wer aus wichtigen Gründen einen sogenannten Dispens erhalten hatte, den wir uns ein klein wenig wie das Entschuldigungsschreiben der Eltern für ein krankes Schulkind vorstellen dürfen. Gelegentlich haben sich diese mittelalterlichen Dispenszettel übrigens sogar bis heute erhalten – auch in unserer Ausstellung ist einer zu sehen. Darauf ist von “notorischen Hindernissen“ auf dem Reiseweg zu lesen, die den Mönchen als Entschuldigung für das Fernbleiben zugebilligt werden. Möglicherweise waren die Wirren des 100jährigen Krieges Auslöser dieser „Hindernisse“.

Dispenszettel. Stiftung Kloster Eberbach. Foto: J. Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn.
Dispenszettel. Stiftung Kloster Eberbach. Foto: J. Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn.

Ach ja: Reiseandenken brachten die Zisterzienseräbte natürlich nicht von ihrem jährlichen Frankreichbesuch mit. Vielmehr hatten sie im Gepäck der Heimreise die verbindlichen neuen Beschlüsse, Urteile, Regeln und Texte des Ordens. Und darüber hinaus haben Sie auf ihrem langen Reisewegen Bilder und Ideen für architektonische Lösungen mitgenommen, die sie wieder zuhause angekommen, in ihrem eigenen Kloster umsetzten. Und dieses Reisegepäck sorgte für eine der faszinierenden, uns heute fast modern erscheinenden Eigenheiten des Zisterzienserordens: über seine gesamteuropäischen Netzwerke verbreiteten sich gemeinsame Entscheidungen, Fragen und Antworten so schnell wie im Mittelalter nur irgend möglich und trugen essentiell bei zum Erfolg des „Konzerns der weißen Mönche“.

 

[Alexandra Käss, Katrin Heitmann, Anja Roser]

 

 

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