Hermann Schaaffhausen – Neandertalerforscher und Mäzen der Künste

Seit 1991 arbeitet ein internationales Team von Wissenschaftlern am Original-Skelett des Urmenschen aus dem Neandertal. “Der Neandertaler“ ist das bedeutendste Sammlungs-und Ausstellungsstück des LVR-LandesMuseums in Bonn. Als Kurator des Fundes und Projektleiter der Forschungen beschäftige ich mich immer wieder mit der historischen Literatur rund um das Skelett und seine Fundstelle. Mit den Jahren bin ich immer tiefer in die Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts eingetaucht, sie ist heute eines meiner Arbeitsgebiete in Forschung und Lehre. Wenn ich mich mit den Schriften meiner Vorgänger befasse, stoße ich überdurchschnittlich oft auf den Namen Hermann Schaaffhausen.

 

Doch wer war Hermann Schaaffhausen?

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Porträt von Hermann Schaaffhausen. Archiv: Dr. Ursula Zängl.

Geboren wurde er am 19. Juli 1816 als Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten in Koblenz. Seine Schulhefte belegen, dass er sich bereits in dieser Zeit mit naturgeschichtlichen Fragen beschäftigte. Viele weitere Anregungen gaben ihm seine Studienjahre in Bonn und Berlin wo er 1839 den Doktortitel erwarb und im Folgejahr die Ärztliche Staatsprüfung ablegte.

Sehr früh entwickelte Hermann Schaaffhausen auch seine Leidenschaft für Altertümer, die er auch während seiner Italienreise 1843/44 sammelte. Auf dieser und späteren Reisen entstanden beeindruckende Zeichnungen und Aquarelle, mit denen er besondere Augenblicke seiner Reise festhielt. Nach seiner Rückkehr an den Rhein und der Habilitation in Bonn entwickelt sich sein Interesse bald hin zu den frühen Zeugnissen der Menschheitsgeschichte. Wenn man mag, könnte man ihn letztlich als Mediziner, Anatom und Prähistoriker bezeichnen. In diese Zeit fällt auch die Heirat mit Anna Lorenz, mit der er acht Kinder bekommt, von denen er aber drei noch zu seinen Lebzeiten wieder beerdigen muss.

 

Noch vor Darwin

Als Professor der Bonner Universität hielt er ab 1845 attraktive Vorlesungen sowohl über anatomisch-anthropologische Themen als auch über die Menschheitsgeschichte. In den frühen 50er Jahren beschäftigt er sich mit der Frage, ob die Arten der Tier- und Pflanzenwelt wirklich unveränderlich sind, wie es die gängige Lehrmeinung vorgab. Seine Überlegungen münden im 1853 erschienenen Werk „Ueber Beständigkeit und Umwandlung der Arten“. Sechs Jahre vor Charles Darwins bahnbrechendem Werk „On the Origin of Species“ schreibt Schaaffhausen über die Veränderung von Arten in der Zeit, nimmt Umweltfaktoren als auslösende Faktoren an und gibt als Zeitraum für die Veränderungen mehr als 100.000 Jahre an. Dies war aus dem Blickwinkel der meisten Zeitgenossen, in deren Augen die Welt vor gerade einmal 6000 Jahren erschaffen worden war, schlicht absurd. Auch bezieht er anders als Darwin, den Menschen deutlich in seine Überlegungen mit ein. Er glaubt an die heftig umstrittene Gleichzeitigkeit von Mensch und ausgestorbenem Mammut, und, nun wird es noch spannender, er sieht Belege für eine ausgestorbene Menschenform, die urtümlicher war als der heutige Mensch. Damit stellt er sich erneut gegen die Weltsicht des 19. Jahrhunderts. All das geschieht, wohlgemerkt, bereits vor der Entdeckung des Skelettes aus dem Neandertal. Dieses trat im Winter 1856/57 mit aller Wucht in sein Leben und hat es für immer verändert.

 

Der Neandertaler-Fund

Der Naturforscher Johann Carl Fuhlrott übertrug ihm die Untersuchung der wenige Monate zuvor entdeckten, noch wenig beachteten Skelettreste. Schaaffhausen ordnete sie zusammen mit anderen Funden korrekt einer urtümlichen Menschenform zu. Der Fund aus dem Neandertal versank, auch vor dem Hintergrund der aufkommenden Evolutionstheorie, nicht wieder in Vergessenheit, wie dies mit früheren Neandertaler-Resten geschehen war. Vielmehr geriet er zum Kristallisationspunkt der oft polemisch geführten Kontroverse um die Existenz urtümlicher Vorfahren des Menschen, die bald alle Gesellschaftsschichten erfasste. Schaaffhausen präsentierte den Neandertaler, oft im Original, auf zahlreichen Kongressen und erwirkte durch seine internationale Vernetzung, dass sich internationale Größen wie der Geologe Sir Charles Lyell und der Zoologe Thomas Henry Huxley an der Diskussion beteiligten. Nach Fuhlrotts Tod 1877 planten die Erben den Neandertaler zu verkaufen. Leider verfügte der Vorgänger des Bonner Landesmuseums – das Provinzialmuseum Bonn – nicht über die erforderlichen Mittel, es drohte der Verkauf ins Ausland. Nun sprang Hermann Schaaffhausen ein. Die für den Ankauf erforderliche Summe von 1000 Goldmark bestritt er aus seinem eigenen Vermögen. Seither ist der Neandertaler das bedeutendste Exponat unseres Hauses, und es ist Ehrensache, dass wir das Originalskelett aus der Dauerausstellung „Neandertaler & Co“ in die aktuelle Präsentation anlässlich des 200. Geburtstages Schaaffhausens umgezogen haben.

Ebenfalls präsent ist der kleine Vogel von Andernach. Eiszeitjäger hatten ihn vor fast 16.000 Jahren aus Ren-Geweih geschnitzt. Hermann Schaaffhausen grub den Rastplatz der Jäger auf dem Martinsberg in Andernach 1883 aus, erkannte den Vogel und zog Parallelen zur eiszeitlichen Kultur des Magdalénien in Frankreich. Damit ist er definitiv auch der Entdecker der Eiszeitkunst im Rheinland.

 

Der Netzwerker: Bonn und die Welt

Aber auch abseits des engeren Fachzirkels war Hermann Schaaffhausen sehr aktiv und, wie man heute sagen würde, gut vernetzt. So hatte der junge Kronprinz Wilhelm in seiner Bonner Studienzeit Vorlesungen bei Schaaffhausen gehört und war gern gesehener Gast in der Villa Schaaffhausen in Bad Honnef. Als Kaiser Wilhelm II. kehrte er gerne hierher zurück, manchmal mit seiner Gattin, für die beiden stand ein eigenes „Kaiserzimmer“ bereit. Auch das schwedische Königspaar und einige andere Vertreter des europäischen Adels gehörten zu den Gästen auf dem Anwesen, das nach dem Tode Schaaffhausens eine wechselvolle Geschichte erfuhr.

Schaaffhausen als Begründer der Urmenschenforschung in Deutschland verstand es sogar, Evolutionslehre und seinen katholischen Glauben miteinander in Einklang zu bringen. So diente er drei Jahrzehnte lang seiner Bonner Pfarrgemeinde als Kirchenvorstand. Hermann Schaaffhausen war generell ein engagierter Förderer des kulturellen Lebens in der Region. Hierbei beschränkte er sich nicht auf wirtschaftliche Zuwendungen, sondern griff tatkräftig in die Planung, Korrespondenz und Durchführung international bedeutender Festlichkeiten zu Ehren der beiden Komponisten Ludwig van Beethoven und Robert Schumann ein. 1880 hob er in einer Festrede die Bedeutung der Musik als Kunstform hervor. In der Ansprache schwingen starke persönliche Emotionen mit. Diese finden sich auch in einer Bauinschrift eines Rundbaus im Garten seiner Villa in Bad Honnef, hier in klarem Bezug zu seiner 1871 plötzlich verstorbenen Frau, und in gefühlvollen Gedichten aus seiner Feder. Anna Lorenz scheint die Liebe seines Lebens gewesen zu sein, denn Hermann Schaaffhausen hat sich trotz aller gesellschaftlicher Kontakte und Möglichkeiten nie mehr gebunden. Im Januar 1893 wurde er unter großer Anteilnahme an der Seite seiner Frau auf dem Alten Friedhof in Bonn bestattet.

Die Ausstellung „Hermann Schaaffhausen zum 200. Geburtstag“ ist noch bis zum 16.10.2016 im 3. Obergeschoss zu sehen. Parallel zu den Ausstellungsvorbereitungen hat ein Digitalisierungsprojekt stattgefunden, über das wir bereits hier im Blog berichtet haben. Die Webseiten und Digitalisate werden selbstverständlich auch nach Ausstellungsende noch online sein.

 

Save the date! Am 12.10. findet übrigens der alljährlich stattfindende Schaaffhausen-Vortrag statt. Diesmal ist die Koryphäe der Afrikaforschung für einen Vortrag eingeladen.

Vortrag: Mi 12.10., 19 Uhr, Ursprünge, Umbrüche, Umwege: Sechs Millionen Jahre Mensch, Friedemann Schrenk

 

[Ralf W. Schmitz]

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