„Kunst und Krempel“ und eine detektivische Entdeckungsreise

Steinzeitliche Faustkeile, wunderschöne Seestücke, Keramiken, ein Rembrandt und ein keltisches Bronzeobjekt. Das sind alles Dinge, die man so oder so ähnlich jeden ersten Mittwoch im Monat zwischen 14 und 16 Uhr in der Bibliothek des LVR-LandesMuseums entdecken kann. An diesem Tag erscheinen zu unserer „Objektbegutachtung“ regelmäßig Menschen aus der Umgebung mit ihren Schätzen aus Kellern und von Dachböden, um mehr über diese Schätze zu erfahren.

Gemälde von Erich Kux (1882 – 1977) ? Neben einem Blumenstillleben mitgebracht von einer Dame. Erich Kux
Gemälde von Erich Kux (1882 – 1977) ? Neben einem Blumenstillleben mitgebracht von einer Dame. Erich Kux

In der Begutachtung können Informationen von Fachleuten zu den unterschiedlichsten Objekten eingeholt werden. Werte und Preise werden allerdings nicht genannt, hier verweisen wir regelmäßig an die bekannten Auktionshäuser. Wir wollen mit grundlegenden Informationen helfen, das Objekt besser zu verstehen. Sollte einer unserer Fachreferenten und Restauratoren mal nicht weiterhelfen können, haben wir eine reichliche Adresskartei mit Spezialisten und externen Fachleuten auch an anderen Museen, die wir dann empfehlen können.

Oft ist das Museum dabei erste Anlaufstelle, bevor es für den Verkauf in ein Auktionshaus geht. Man möchte erst einmal wissen, um was es sich handelt. Manchmal möchte man das mitgebrachte Stück nämlich gar nicht verkaufen, sondern einfach einmal jemandem zeigen. Vielleicht stellt sich ja heraus, dass man all die Jahre ein kleines Vermögen über der Wohnzimmercouch hängen hatte? Und manchmal sind es ganz persönliche Lieblingsstücke, von denen man sich mit mehr oder weniger schwerem Herzen trennen muss, weil die neue Wohnung kleiner ist als die vorherige, oder weil das Objekt bei den Erben keinen großen Anklang findet und man, ehrlich gesagt, nicht weiß, was man eigentlich damit anfangen soll – „vielleicht möchte das Museum ja ..?“

So landen winzige Gesangsbücher, Taufkleidchen aus dem 19. Jahrhundert, Grafiken mal mehr oder minder bekannter Lokalhelden oder Keramiken auf unserem Tisch. Ein besonders kurioses Mitbringsel war ein frühes Modell einer Mausefalle mit Schussautomatik.

ErichKux (1)
Signatur von Erich Kux?

Einmal kam eine kleine Gruppe Schüler mit ihrem Lehrer zu uns. Einer der Schüler hatte bei Bornheim ein seltsames kleines Objekt gefunden. Knapp 4 cm groß und mit einer Patina bedeckt, zeigte es eine kleine bärtige Fratze. Am Ende stellte sich heraus, dass das Stück keltischen Ursprungs und etwa 2300 Jahre alt ist. Freundlicherweise erhielt das LVR-LandesMuseum das kleine Objekt als Geschenk.

Oft genug aber ist die Ernüchterung groß, zum Beispiel, wenn die in der Türkei gekauften steinzeitlichen Faustkeile moderne Fälschungen sind. Oder wenn klar wird, dass „die jahrhundertealten und von Menschenhand bearbeiteten Objekte aus Meteoritengestein“ in Wirklichkeit aus herkömmlichen Eisen bestehen und wohl höchstens aus dem letzten Jahrhundert stammen. Ebenso schade ist es, wenn die Besitzer eines „Rembrandts“ erfahren, dass es sich bei ihrem Gemälde eigentlich um einen Öldruck handelt, der zwar sehr schön, aber nun natürlich nicht den Wert eines echten Rembrandts besitzt.

Ein Glück übrigens, dass man nicht nur zur Objektbegutachtung einmal im Monat, sondern jederzeit die Kollegen im Haus anrufen kann, wenn jemand mit Dingen zu uns kommt, die nicht ins eigene Fachgebiet fallen. Gerne helfen auch die Kolleginnen aus der Restaurierung weiter und geben mithilfe von Lupen und Lampen Auskunft über den Zustand des Objekts.

In jedem Falle sind diese zwei Stunden im Monat auch ungemein lehrreich. Hier sieht man nämlich nicht nur Meisterwerke und repräsentative museale Ausstellungsobjekte. Man sieht Gemälde und Grafiken nach jahrelangem Hängen in Wohnstuben mit Licht- und Papierschäden, wurmzerfressene Holzrahmen, Weihwassergefäße mit dicken Kalkablagerungen durch steten Gebrauch, eben Dinge, die bisher keine Chance auf Konservierung hatten.

Worüber man sich bei Begutachtungen immer freut, sind Signaturen, Stempel oder ähnliche Hinweise, die etwas über den Urheber eines Objektes verraten. Nicht selten findet sich nämlich nichts dergleichen, sodass man sich mit den kleinsten Anhaltspunkten auf eine detektivische Reise nach Herkunft, Datierung, Künstler/Werkstatt und Funktion begibt, um das Objekt zu entschlüsseln.

Aus einer Haushaltsauflösung wurden zum Beispiel zwei Graphiken eingeliefert. Die erste, einfach, von Leo Breuer. Sie war datiert und signiert und von Breuer befinden sich zahlreiche Stücke bereits in der Sammlung des Museums. Auf der zweiten Grafik dagegen war zwar eine Signatur zu erkennen, diese war aber nicht einfach zu entziffern, sodass wir lange rätselten. Zugegeben: die Antwort gab mir – kein Kenner von den Arbeiten dieses Künstlers – letztendlich irgendwann die Autovervollständigung von Google. Anhand der Signatur konnte man den Namen nur erraten, versuchsweise in der Suchfunktion eingeben und hoffen. Vergleiche mit Abbildungen in Werkverzeichnissen räumten dann alle Zweifel aus, wir hatten den Künstler gefunden. Schon fast ärgerlich ist, dass der Künstler seine Werke oft betitelt hat, nur – klar –leider nicht in unserem Fall.

Signatur von, wer hätte das vermutet, Carl-Heinz Kliemann. Foto: A. Claus, LVR-LandesMuseum.
Signatur von, wer hätte das vermutet, Carl-Heinz Kliemann. Foto: A. Claus, LVR-LandesMuseum.

Ob nun die Objektbegutachtung oder sonstige Werkrecherche, es wird auf jeden Fall nie langweilig. In meinem gesamten Studium hatte ich nicht so viele Werke und Originale in der Hand wie in den letzten 14 Monaten hier am LVR-LandesMuseum. Und genau das, die Arbeit mit den Objekten, ist es ja, was ein(e) Kunsthistoriker(in) am liebsten immer machen möchte.

 

[Anja Claus]

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