Die Prozession – Fronleichnam am 31.5.1945

Die Ausstellung „1945 Köln und Dresden – Fotografien von Hermann Claasen und Richard Peter sen.“ zeigt – übrigens nur noch bis kommenden Sonntag, den 7. Juni – die eindrucksvollen Bilder der zerstörten Städte Köln und Dresden. Sie vermittelt darüber hinaus auch, wie bewusst die beiden Fotografen ihre jeweiligen Bücher „Gesang im Feuerofen“ und „Dresden – eine Kamera klagt an“ komponiert haben.

Genau in die Mitte seines Buches „Gesang im Feuerofen“ positioniert Hermann Claasen auf einer Doppelseite eine Aufnahme der Fronleichnamsprozession in den Trümmern Kölns. Was beim Durchblättern des Buches kaum auffällt, wird in der Ausstellung deutlich: Die Aufnahme ist aus zwei Fotografien zusammengesetzt. Hermann Claasen hat die beiden Fotografien so geschickt zusammengesetzt, dass sich der mittlere Bereich verdoppelt, das heißt die Häuser bzw. Ruinen und die Prozessionsteilnehmer sind hier zweimal abgebildet. Das fällt im Buch kaum auf, da die Kante zwischen beiden Aufnahmen durch den Buchfalz verdeckt wird. Der in der Ausstellung gezeigte Vintage-Print verrät jedoch deutlich die handwerklich nicht sehr geschickte Montagetechnik des Fotografen. Der Wirkung des Bildes tut dies keinen Abbruch: Die Fronleichnamsprozession zieht sich scheinbar endlos durch eine apokalyptische Trümmerlandschaft. Man nimmt die doch relativ geringe Teilnehmerzahl der Prozession nicht wahr: Zu diesem Zeitpunkt wohnten kaum 20.000 Menschen in der völlig zerbombten Stadt.

Hermann Claasen, Fronleichnamsprozession, Köln 1945. Fotoreproduktion: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn.
Hermann Claasen, Fronleichnamsprozession, Köln 1945. Fotoreproduktion: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn.

Die Aufnahme ist nicht nur eine der berühmtesten des Buches und im gesamten Werk von Hermann Claasen überhaupt, sondern auch für mich besonders berührend – vor allem, nachdem wir die rückseitige Beschriftung auf einem Abzug in unserem Archiv entdeckt haben: Dort wird die Aufnahme auf 1945 datiert und nicht, wie in allen bisherigen Veröffentlichungen, auf 1946. Das bedeutet, Hermann Claasen hat die Fronleichnamsprozession des 31.5.1945 dokumentiert, also unmittelbar nach Kriegsende. Man kann anhand dieser Aufnahme nur erahnen, was die Menschen in diesem Augenblick gefühlt haben; fühlten sie sich eher besiegt oder eher als Davongekommene, fühlten sie Scham oder Mitschuld angesichts der Verbrechen der Nazis, oder sahen sie sich eher als Opfer des Bombenterrors? Hermann Claasens Fronleichnamsprozession wirkt jedenfalls wie eine Büßerprozession, zu sehen sind vor allem die Nonnen der Kölner Klöster. Das passt in sein Buch, das ja in vielen Aufnahmen vor allen Dingen das zerstörte „heilige“ Köln der Kirchen und Klöster als Fanal gegen weitere Kriege zeigt. Diese Botschaft, schaut man sich die Ausstellung an, kommt auf jeden Fall auch heute noch an.   Lothar Altringer

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s