Migof

Es gibt Bilder, an denen bleibt mein Blick immer wieder neu hängen, egal wie oft ich als kunsthistorische Kustodin durch die Sammlung gehe. Bernard Schultzes Migof-Triptychon, dass eine ganze Wand im 2. Obergeschoss des Museums einnimmt, ist so ein Werk. Es zieht meine Augen einfach immer wieder in seinen Bann. Aus der Ferne, lockt es den Beschauer an, wie eine fantastisch bunt gefärbte Fantasielandschaft, wie ein wildes bizarres Traumgebilde. Seinen ganzen Reiz aber entfaltet es erst, wenn man dann auch näher tritt. So nah, dass man nichtmehr das ganze „Ding“ sieht, denn es ist ein „Ding“, eine Leinwand zwar, aus deren Malfläche aber eine ganze Welt aus dreidimensionale Strukturen heraus zu wuchern scheint.

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Bernard Schultzes „Migof“ im LVR-LandesMuseum Bonn. Foto: A. Käss, LVR-LandesMuseum Bonn.

Wenn man so nahe herankommt, dass man nur noch Detail um Detail, Ausschnitt um Ausschnitt erfasst. Dann erst wandert man vollends durch Bernard Schultzes Migof-Welt. In ihr begegnet die Fantasie dann plötzlich einem ganzen Universum von Mischwesen aus Pflanze, Tier und Fabelwesen, von wildbunten ‚Gebirgen und Tälern eines fremden Planeten. Aus den Farben und Formen aus denen Bernard Schultze vor über 50 Jahren diesen „Migof“ erschaffen hat, machen meine Fantasie und meine Assoziationen immer wieder aufs Neue Blüten und Insekten, Gnome und Fabeltiere, Sümpfe und Wälder, Kraken, Korallen, Pilze und bizarre Gesichter. Und noch nie hatte ich den Eindruck nun aber wirklich alles entdeckt zu haben. Nahe am Migof scheinen meine Augen wie von alleine durch diese fantastische Welt zu wandern, als würde der Blick „einfach so“ von hierhin nach dorthin fließen und dabei immer wieder neue Orte erschließen und neue Wesen entdecken.

Später, beim Stöbern in Texten über Schultze, wird mir klar, dass ich damit eigentlich genau das tue, was Schultze selbst, wie er einmal sagte, beim Erschaffen seiner Werke tun wollte: „sich treiben lassen, wohin das Bild will.“

Nach dem 2. Weltkrieg suchte Bernard Schultze wie so viele seiner deutschen Künstlerkollegen dieser Generation nach neuen, freien Ausdrucksmöglichkeiten jenseits des Realismus. Er wurde zu einem der Begründer des sogenannten „Informel“ und schuf mit seinen Migofs (ein von ihm selbst erfundenes Kunstwort), die er als neue Kategorie von Wesen, zwischen Mensch, Tier und Pflanze betrachtete, eine völlig eigene Objektform zwischen Malerei, Relief und Skulptur.

Bernard Schultze wäre heute, am 31. Mai 2015, 100 Jahre alt geworden.

Das Museum Ludwig in Köln, das Museum Kunstpalast Düsseldorf und das Arp-Museum Bahnhof Rolandseck widmen ihm derzeit große Jubiläumsausstellungen.

 

Einen der anderen Begründer des Informel und Protagonisten der deutschen Kunst nach dem 2. Weltkrieg, Hann Trier, der am 1. August dieses Jahres ebenfalls seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, zeigt das LVR-LandesMuseum ab dem 30. Juli 2015 in einer großen Jubiläumsausstellung unter dem Titel „Der unbekannte Trier“ mit bislang wenig oder noch nie gezeigten Arbeiten, Objekten und Entwürfen. Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt mit dem Museum Ratingen, das zeitgleich unter dem Titel „Der junge Trier“ das Frühwerk des Künstlers in einer umfassenden Schau präsentiert. Arbeiten Hann Triers auf Papier zeigt anlässlich des Jubiläumsjahrs außerdem auch vom 18. September bis 15. November 2015 das Käthe Kollwitz Museum in Köln. In Kooperation mit der Kunststiftung Hann Trier, bewahrt das LVR-LandesMuseum Bonn seit vielen Jahren den künstlerischen Nachlass Hann Triers.

 

[Alexandra Käss]

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