Ein „milchbärtiger Römer“ wird 200

Zum Fundjubiläum einiger berühmter Funde aus dem Limeskastell von Niederbieber

Abb. 1_Dorow_1827
Abb. 1 Neuwied Niederbieber, Blick auf das Dorf Niederbieber mit dem Kastellgelände im Vordergrund. Lithographie nach einer Vorlage von Carl Prinz zu Wied (1785–1864). Bild: W. Dorow, Römische Alterthümer in und um Neuwied am Rhein. Tafelband (Berlin 1827).

Im LVR-LandesMuseum Bonn findet der Besucher zahlreiche Funde aus dem Kastell von Niederbieber, Landkreis Neuwied. Die Funde entstammen hauptsächlich den Grabungen der Reichs-Limeskommission (1897-1912) sowie der Fürstlich-Wiedischen Sammlung in Neuwied. Letztere setzt sich aus Funden zusammen, die von Christian Friedrich Hoffmann, Erzieher der Wiedischen Prinzen am Schloss, bei Ausgrabungen zwischen 1791 und 1820 im Kastell entdeckt wurden (Abb. 1). Dessen umfangreiche handschriftliche Aufzeichnungen werden im Fürstlich-Wiedischen Archiv im Neuwieder Schloss aufbewahrt. Die der Forschung kaum bekannten Dokumente zeigen, wie bereits am Ende des 18. und in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts durch Autodidakten wie Hoffmann eine noch junge wissenschaftliche Disziplin gefördert und weiterentwickelt wurde. Wenig später erlebte sie durch die Gründung zahlreicher bürgerlicher Altertums- und Geschichtsvereine einen ersten „Boom“. Hoffmann schuf mit seinen Aufzeichnungen wichtige Grundlagen für die heutige Bodendenkmalpflege. So verfasste er etwa 1819 erste Ausgrabungsrichtlinien aufgrund seiner eigenen Erfahrungen.

Das Kastell Niederbieber ist durch seine kurze Belegungszeit (ca. 185/190 bis 259/260 n. Chr.) sowie seine gewaltsame Zerstörung eine Besonderheit. Archäologen definierten sogar den entsprechenden Zeitabschnitt als „Niederbieber-Horizont“. Der Forschungsstand wird der Bedeutung des Kastells jedoch in keiner Weise gerecht. Eine umfassende Neubearbeitung des gesamten Komplexes mit sämtlichen Befunde und Funden ist daher im Rahmen eines größeren Forschungsprojektes geplant.

Abb. 2_Signumscheibe
Abb. 2 Neuwied Niederbieber, phalera von einem römischen Feldzeichen. Zustand nach der Auffindung in Köln 1974. Bild: Fürstlich-Wiedisches Archiv, Neuwied.

In den meisten „Niederbieber-Publikation“ sind zumindest zwei besondere Fundstücke erwähnt oder abgebildet. Zum einen die silberne Zierscheibe (phalera) eines römischen Feldzeichens, auf der, von Münzbildnissen abgesehen, die möglicherweise einzig bekannte Darstellung des jugendlichen Kaisers Salonius zu sehen ist (Abb. 2). Der Sohn des Gallienus war 258 von seinem Vater zum caesar ernannt worden, jedoch schon 260 im Zuge der Usurpation des Postumus hingerichtet worden. Vom gleichen Feldzeichen stammt wohl auch eine Silberplatte mit Nennung der Cohors VII Raetorum, welche im benachbarten Kastell von Koblenz-Niederberg stationiert war und im Zuge der Eroberung von Niederbieber ebenfalls untergegangen war.

Entdeckt wurden die Fundstücke am 16. Oktober 1814 in einem Raum der principia des Kastells, unmittelbar östlich des Fahnenheiligtums (Abb. 3). Neben Waffen, weiteren Metallobjekten und einem eisernen Reiterhelm, der den Helmtyp Niederbieber definierte, fand sich auch ein unvollständig erhaltenes Skelett. Es lag unmittelbar neben den Resten des Feldzeichens, was zu der Annahme verleitet, mit ihm auch den Träger (signifer) desselben gefunden zu haben. Weiterhin war in dem Raum auch die Statue eines Genius aus Sandstein aufgestellt, von dem man mehrere Bruchstücke barg.

Abb. 3 Plan
Abb. 3 Neuwied Niederbieber, Digitaler Befundplan des Kastells mit Eintragung des Fundortes vom 16.10.1814. Bild: Jost Mergen/LVR-LandesMuseum Bonn

Frühere Beschreibungen seiner Grabungsergebnisse hielt Hoffmann noch recht sachlich und nüchtern. Im Bezug auf die Funde vom 16. Oktober, dem ersten Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht, findet sich plötzlich ein sehr starker Bezug auf die aktuellen Ereignisse jener Zeit. Gerade Funde, wie die phalera, aber auch die umfangreichen Zerstörungsspuren des Kastells im Allgemeinen erschienen Hoffmann als ganz konkrete und handfeste Erscheinungen und Beweise eines bislang eher nebulös anmutenden „deutschen“ Freiheitskampfes auf, der bisher weitgehend auf literarischen Grundlagen des Humanismus beruhte. Dementsprechend beflügelt schreibt Hoffmann Anfang 1815: „In den Octobertagen 1814, wo wir jenen Sieg und die Flucht unsrer Feinde hoch feyerten fand man in einem Zimmer des Praetorii einen runden silbernen Schild (Clypeus) von einem Signo militari, mit schöner erhabener Arbeit. Hier tritt ein stolzer, milchbärtiger Römer, wahrscheinlich ein Kayser, einen unserer Urväter, einen edlen Germanen, wahrscheinlich das Haupt eines Stammes, mit Füßen. So wurden noch vor kurzer Zeit manche Häupter unserer Stämme von einem übermüthigen Römlinge zertreten, der vor einem Jahre durch schimpfliche Flucht über den Rhein eilen mußte.– Die Darstellung auf jenem Schilde schwebe uns immer vor Augen und erinnere uns an die schmachvolle Knechtschaft, in welche wir auf eine kurze Zeit, durch eigene Schuld leider geriethen und lehre uns alles vermeiden, was uns wieder unter das schimpfliche Joch unserer Erbfeinde bringen könne.“

Die offenkundige Empörung Hoffmanns über diese Darstellung verdeutlicht einmal mehr deren Wirkung auf den Betrachter. Erst vor kurzer Zeit schockten Aufnahmen – in einer ganz ähnlichen Darstellung – aus der Flüchtlingsunterkunft von Burbach im Siegerland die Öffentlichkeit. Sofort kamen uns auch wieder die Bilder aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib in Erinnerung. Die demütigende Art der Darstellung von Triumph und Niederlage gibt es also schon sehr lange.

 

Jost Mergen

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