Noch mehr Mülstroh im Museum

Der Name Mülstroh dürfte bereits einigen Besuchern durch die Grafiksammlung bekannt sein, die er 2012 dem Landesmuseum als Leihgabe übergab.

Zusammen mit den knapp 3000 Blättern kam aber noch eine Schenkung ins Haus: es handelt es sich um eine enorme Anzahl an Katalogen, Lexika und weiterer Literatur zum Thema moderner Kunst, welche in die Museumsbibliothek aufgenommen werden.

Nach und nach leeren sich die in Magazinräumen und Büros gestapelten Kisten voller Bücher, während die Regalreihen – vor allem im Bereich der Kunstwissenschaft – sich immer weiter füllen.

001Nun, zwei Jahre später, hat auch der 1000. Band mit der Kennzeichnung „Sammlung Mülstroh“ seinen Weg ins Magazin gefunden, und die letzten Bücherkisten warten auf die Katalogisierung.

Gemeinsamen mit den Bänden kamen auch so viele neue Namen von Künstlern hinzu, dass kaum eine Ausstellung sie alle abdecken könnte.

Beim Durchblättern der Kataloge trifft man natürlich auf zahlreiche bekannte Namen und Werke, aber die Sammlung bietet auch mehr als nur das Altbekannte: umfassende Monographien beleuchten verschiedene Schaffensphasen der Künstler und präsentieren Teile ihrer Arbeit oder gleich ihr Gesamtwerk.

Wer von Andy Warhol zum Beispiel nicht nur Campbells Dosensuppe oder Marilyn Monroe sehen möchte, findet vielleicht seine Plattencover oder Diamantstaubdrucke interessanter, und wer in Picassos Guernica nie Menschen zu erkennen vermochte wird überrascht sein zu sehen, wie naturalistisch er seine Familienmitglieder auf Papier brachte.

Nun macht nicht in erster Linie der Umfang der Schenkung einen Blick lohnenswert, sondern die Sorgfalt, mit der sie zusammengestellt wurde.

Herr Mülstroh war über 30 Jahre hinweg auf der Suche nach Grafiken und Kunstbüchern, das Ergebnis ist eine Sammlung, die man zurecht als einzigartig bezeichnen darf. Darunter finden sich viele Werke die schon einige Jahrzehnte alt sind und nicht mehr gedruckt werden, sowie limitierte Kunstbände und Vorzugsausgaben, die nur in geringer Auflage erschienen und heute kaum noch zu finden sind.

002Mit diesen Sonderausgaben fand auch eine kleine Zahl von aufwändig handgedruckten Grafiken ihren Weg in die Bibliothek, wo sie im Rara-Magazin aufbewahrt werden. Oder die Bücher wurden gleich selbst als kleine Kunstwerke gestaltet, mithilfe von eigens angefertigten Exlibris oder begleitenden Illustrationen, sei es zu Kinderbüchern oder gleich ganzen Dramen.

Eine solche Auswahl an Publikationen wird man nicht mehr bei Amazon oder in Buchhandelsketten erwerben können, sie ist das Ergebnis einer langen Aktivität als Sammler neuzeitlicher Kunst.

Obwohl die Schenkung zum Teil auch interessante Rückblicke auf vergangene Epochen bietet, liegt der Schwerpunkt doch bei der Moderne. Durch die Anzahl der Bände bildet sich so ein faszinierendes Gesamtbild der Kunstszene im 20. Jh., das es ermöglicht, die Entwicklung der modernen Kunst von Beginn an nachzuvollziehen.

Aus dem frühen 20. Jh. finden sich Vertreter jeder bedeutenden künstlerischen Strömung, deren Werke in umfassenden Retrospektiven vorgestellt werden.

Interessanter wird es noch zur Zeit des kalten Krieges, in der viele Bände aus Ostdeutschland erworben wurden. So lässt sich die Entwicklung in zwei Richtungen gleichzeitig verfolgen:

Aus der DDR stammen zahlreiche Bände der Staatlichen Kunstsammlungen und des Kupferstich-Kabinetts in Dresden. Diese enthalten weniger idealisierte Arbeiterdarstellungen, sondern präsentieren vielmehr die variationsreichen Künstler der Leipziger Schule.

Gleichzeitig können wir im Westen die Entwicklung der Moderne weiter beobachten, die in den kommenden Jahrzehnten immer mehr Stilrichtungen ausbildet. Die Grenzen zwischen der Grafik, Malerei und Bildhauerei beginnen hier zu verschwimmen, während sie durch neue Strömungen ergänzt werden.

So stoßen wir nun zunehmend auf Künstler, die sich durch neue Medien wie Video und Fotografie ausdrücken, so wie auf Pop-Art- und Konzeptkünstler.

Der historische Wert macht die Sammlung aber nicht nur für Ostalgiker und Kunsthistoriker interessant, die Nähe des Sammlers gerade zur heutigen Kunstszene zeigt sich in den Katalogen zahlreicher besuchter Ausstellungen, Zeitschriftenbänden und über lange Jahre hinweg gesammelten Auktionsheften die präsentieren, was in den letzten Jahren gefragt war und noch ist.

Dabei werden auch persönliche Schwerpunkte und Vorlieben deutlich:

anstatt sich nur auf die gut besuchten Ausstellungen und altbekannte Größen zu beschränken, deckt Herr Mülstroh einen weit größeren Bereich ab und gibt dem Leser so die Chance, einmal einen umfassenden Blick auf die Werke weniger bekannter Künstler zu werfen.

Darunter finden sich zahlreiche aufstrebende Graphiker, Maler und Bildhauer, deren frische Ideen und Konzepte von der Lebendigkeit und steten Veränderung in der heutigen Kunst zeugen.

Auch regional ist die Sammlung keineswegs eingeschränkt. Neben den deutschen Publikationen gibt es viele fremd- oder mehrsprachige Bände, welche die Kunst anderer europäischer Länder und der USA vorstellen, vereinzelt auch echte Exoten wie Bücher über die asiatische Kunst.

Dennoch zeigt sich auch eine gewisse Nähe des Sammlers zu seiner Heimatregion Heinsberg, aus der er einige Publikationen aufgenommen hat. Viele Kataloge, die im Eigenverlag des regionalen Kunstvereins erschienen, beweisen, dass nicht immer die Größe eines Museums ausschlaggebend ist, um eine gelungene Ausstellung zu organisieren.

Nun hat man seit Carl Begas nicht mehr viel von Heinsberger Künstlern gehört, ausgestorben sind sie aber noch nicht. Gleich 20 von ihnen werden mit je einem ihrer Werke im Jubiläumskatalog des Kunstvereins, „20 x 20“ vorgestellt, manche schafften es auch zu eigenen Ausstellungen, deren Schöpfungen in Monographien gezeigt werden.

003Das ist auch eine weitere Stärke der Schenkung, die sie zu mehr als nur einer Sammlung von Bildmaterial macht:

Die reich illustrierten Bände zeigen nicht nur was die Künstler erschaffen haben, sondern beantworten auch häufig die Frage nach dem Warum.

Begleitende Texte von Kunsthistorikern und -kritikern geben in zahlreichen Fällen Informationen über den zeitlichen Kontext, in welchem die Künstler kreativ tätig waren, ihre Motivation, Charakteristika und Techniken.

Den besten Einblick in ihre Arbeit liefern aber mit Sicherheit die Künstler selbst, welche oftmals nicht nur die Illustrationen, sondern auch reichlich Text zur Entstehung der Bände beigetragen haben.

Einleitungen, Interviews und Seiten ihrer Notizbücher gewähren einen sehr persönlichen Einblick in ihr Leben und Schaffen. Viele Werke, die auf den ersten Blick nur unverständlich wirken, gewinnen so beim zweiten Hinsehen an Bedeutung und erhalten einen tieferen Sinn.

Wenn der Leser nun durch die Künstler und ihre mannigfaltigen Arbeiten Inspiration gefunden hat, findet er in derselben Sammlung auch einige Materialien zum Kunsthandwerk wie die Herstellung von Druckgrafiken und die Grundlagen der Malerei.

Aber sollte das im modernen Umfeld schon zu altmodisch wirken, kann man sich auch Anregung von unkonventionelleren Künstlern suchen wie Teppichmalereien, übermalte Totenmasken oder die Brandcollagen von Johannes Schreiter.

Somit ist die Mülstroh-Sammlung eine Schenkung, die nicht nur für den passionierten Kunstkenner, sondern auch für interessierte Laien Faszinierendes bereithält und dadurch zu einer wertvollen Ergänzung für den Bestand der Bibliothek wurde.

Rpbert Schmidt, Praktikant aus der Bibliothek

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