Der bronzene Patient

Die Überreste bronzener Statuen gleichen nicht selten einem brutalen Gemetzel. Zerborstene Schädeldecken, abgetrennte Gliedmaßen und Verbrennungen bis zur Unkenntlichkeit. Während formgleiche Objekte aus Fleisch und Blut ein eindeutiger Fall für den Forensiker wären, landen die Stücke aus Bronze glücklicherweise nur auf dem Tisch des Restaurators. Doch auch dieser kann mit modernen Untersuchungsmethoden, die zum Teil aus der Medizin stammen, eine ganze Menge über den Lebenslauf und das brutale Ende einer Bronzestatue herausfinden.

Behutsame Freilegung eines goldenen Rückens mit dem Skalpell (LVR-LandesMuseum
Behutsame Freilegung eines goldenen Rückens mit dem Skalpell (LVR-LandesMuseum Bonn).

Handschuh, Meißel und Skalpell

Der Auffindungszustand von Bronzefragmenten, die etwa 2000 Jahre unter der Erdoberfläche verborgen lagen, ist meistens nicht sonderlich ansehnlich. Oft muss das Objekt von einer dicken Kruste oder verschiedensten Ausblühungen befreit werden. Besonders riskant ist dieser Eingriff, wenn man Gefahr läuft, eine wertvolle Oberflächenvergoldung oder sonstige originale Veredelungsspuren zu zerstören. Daher werden bei stark korrodierten Stücken erst behutsam und in mehreren Bearbeitungsstufen die verschiedensten Instrumente (z. B. Skalpell, Dreikantschaber, Metallschleifer, Ultraschallfeinmeißel, Mikro-Pressluft-Meißel, Glasperlenstrahler) getestet, bevor mit der Freilegung der antiken Oberfläche begonnen wird. Für eine große Überraschung sorgte dann auch der wunderschöne vergoldete Rücken einer nackten Idealstatue aus Groß-Gerau.

Mit einem feinen Bohrer wird eine kleine Probe der Bronze entnommen (Foto: Frank Willer, LVR-LandesMuseum Bonn).
Mit einem feinen Bohrer wird eine kleine Probe der Bronze entnommen (Foto: Frank Willer, LVR-LandesMuseum Bonn).

Von der Bohrprobe zur „DNA“ der Bronzestatue

Was dem Mediziner die Blutprobe, ist dem Archäometallurgen die Bohrprobe. Schon eine kleine Menge, die mit einem weniger als stecknadelkopfgroßen Bohrer entnommen wird, reicht aus, um die Legierung einer Bronze exakt zu bestimmen. Statt Erythrozyten, Leukozyten und Hämoglobin werden die wichtigsten Bestandteile von Gussbronze – Kupfer, Zinn und Blei – sowie zahlreiche Nebenelemente mittels Röntgenfluoreszenzspektrometrie gemessen. Die Zusammensetzung der Legierung ist wie die DNA einer Statue. So lässt sich identifizieren, ob mehrere Fragmente zu einer Statue gehören oder sich eine Vielzahl von Statuen hinter einem Trümmerhäufchen verbirgt.

Unter dem HDR-Mikroskop

Das Ohrläppchen einer römischen Göttin aus Bronze kann ein spannendes Forschungsfeld sein – zumindest, wenn man es unter dem „High Dynamic Range“ (kurz: HDR) –Mikroskop betrachtet. Am Ohrläppchen der sogenannten Rosmerta aus Mainz-Finthen wurde mit diesem Gerät eine rätselhafte Struktur erkannt, die wie ein Wabenmuster aussieht. Spuren des Bienenwachses aus dem Wachsmodellbau? Oder doch eine Laune der Bronze bei der Erstarrung? Inzwischen hat man das hexagonale Muster auch an Fragmenten aus Trier, Bonn und Murrhardt gesichtet. Wir sind gespannt auf die Auflösung.

Auf dem Röntgentisch

Durchleuchtet. Der bronzene Kopf des Kaisers Gordian III. im Röntgenbild (LVR-LandesMuseum Bonn).
Durchleuchtet. Der bronzene Kopf des Kaisers Gordian III. im Röntgenbild (LVR-LandesMuseum Bonn).

Nicht nur menschliche Knochenbrüche werden durch eine Röntgenaufnahme sichtbar gemacht, sondern auch Brüche und Reparaturspuren der alten Bronzestatuen. Der schwere Schädelbruch und der Nasenbeinbruch sowie viele andere Blessuren des Kaisers Gordian III. bzw. seines Bronzeporträts wären unter der stark restaurierten Oberfläche heutzutage kaum erkennbar. Umso aufschlussreicher ist die völlig zerstörungsfreie Methode der Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen. Einmal stillhalten bitte …

Computertomographie – Ein Lehrgang zur Anatomie der Bronzestatuen

Zur Diagnostik schwer zugänglicher Bereiche werden in der Medizin und in der Materialforschung erst seit wenigen Jahren Computertomographen eingesetzt. Auch bei dieser Methode kommen Röntgenstrahlen zum Einsatz. Allerdings wird der Körper während einer kompletten Umdrehung durchleuchtet, um anschließend ein dreidimensionales Abbild zu erzeugen. Das Computerbild lässt sich drehen und an beliebiger Stelle virtuell öffnen, in unzähligen Ebenen durchschneiden und von innen darstellen. Bei Bronzestatuen lassen sich Unterschiede in der Wandungsdicke und –beschaffenheit sowie Spuren des vor 2000 Jahren ausgeschmolzenen Wachsmodells erkennen.

Spannende Einblicke

Mit den spannenden naturwissenschaftlichen und technologisch anspruchsvollen Untersuchungsmethoden an römischen Bronzestatuen befasst sich die Ausstellung „Gebrochener Glanz – Römische Großbronzen am UNESCO-Welterbe Limes“, die noch bis zum 20.07.2014 im LVR-LandesMuseum Bonn und anschließend im Limesmuseum Aalen zu sehen ist.

Manuela Mirschenz

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