Eine Finnlandreise in Sachen Neandertaler

In der Woche vor Ostern wurde mir eine ungewöhnliche Ehre zuteil: ich durfte die erste Neandertaler-Ausstellung, die jemals in Finnland gezeigt wurde, eröffnen. Damit hatte ich nicht gerechnet, als die Kollegen vom Satakunnan Museo in Pori uns vor Monaten im LVR-LandesMuseum Bonn besucht hatten, um sich originale Steinwerkzeuge des Neandertalers für die Ausstellung auszuleihen. Zuerst war ich etwas zögerlich gewesen, dem Leihgesuch zuzustimmen, aber das Konzept war überzeugend. Nun saß ich also im Flieger und verließ Düsseldorf Richtung Helsinki. Nachdem ich die üblichen Szenarien von technischem Versagen und drei Kilometer freiem Fall in meinem Kopf besiegt hatte, ging ich den Hintergrund für die Ausstellung nochmals durch. Vor fast 20 Jahren hatten Geologen in einer finnischen Höhle Steine entdeckt, die eine Reihe von Experten für Steinwerkzeuge der Neandertaler halten. Sollte dies stimmen, so wären dies die ersten derartigen Funde in Finnland, denn üblicherweise sind solche Fundstellen in Nordeuropa von den Gletschern der letzten Eiszeit wie von einem riesigen Hobel zerstört worden. Ich kannte das Material nur als Zeichnungen aus einer wissenschaftlichen Veröffentlichung und wusste von der Skepsis zahlreicher Fachkollegen, die hier nur die Kräfte der Natur, nicht aber die Gestaltungskraft des Menschen am Werk sahen. Der Bordservice riss mich aus meinen Gedanken. Erfreulich dunkles, festes und schmackhaftes Brot, das so gar nicht zu meinen Vorurteilen von widerwärtigem Weißbrot in Flugzeugen passte, katapultierte Finnair sofort an die Spitze meiner beliebtesten Airlines. Auch der weitere, mehrstündige Reiseverlauf von Helsinki über mehrere Zugstationen nach Pori war sehr angenehm, verlief er doch in sauberen Zügen mit höflichem, englischsprechendem Personal. Interessanterweise hat die Seuche des Sprayens und Scratchens Finnlands Züge bisher noch verschont.

Der Vormittag des Folgetages sah eine gut besuchte Pressekonferenz zur Ausstellung, anschließend hatte ich Gelegenheit zur Preview. Dem sehr sympathischen finnischen Kuratorenteam ist es wirklich gelungen, Umwelt und Klima der letzten Eiszeit ebenso gut zu erklären wie die menschliche Evolution von ihren ersten Anfängen in Afrika bis zur Gegenwart. Der Schwerpunkt lag natürlich bei den Neandertalern, der einzigen jemals in Europa entstandenen Menschenform. Besonders beeindruckend sind die hochwertigen und lebensechten Rekonstruktionen eines Mannes und eines kleinen Mädchens aus dem Atelier von Elisabeth Daynes in Paris. Weiterhin können die Besucher auch die Knochenreste eiszeitlicher Tiere bewundern, eine Kopie des berühmten Neandertaler-Fundes aus dem Neandertal und Steinwerkzeuge von verschiedenen Fundstellen, darunter auch die Bonner Leihgaben aus meinen Nachgrabungen an der Fundstelle im Neandertal. Leider wissen nur wenige Touristen, die Bonn besuchen, dass das Original-Skelett des berühmtesten Urmenschen seit 1877 im Rheinischen Landesmuseum Bonn ausgestellt ist.

Natürlich kommt auch die vermutete finnische Fundstelle umfassend zu Ehren, ist sie doch der Anlass für die Ausstellung. Die Begutachtung des Fundmaterials ließ allerdings erhebliche Zweifel in mir reifen, dass es sich dabei wirklich um von Menschenhand gefertigte Objekte handelt. Generell denke ich aber, dass in den wärmeren Abschnitten der Altsteinzeit durchaus Neandertaler bis nach Nordeuropa vorgestoßen sind. Immerhin war es vor 120.000 Jahren so warm, dass Flusspferde in Rhein und Themse lebten…wieso also keine Neandertaler am Nordkap? Mit diesen Eindrücken begab ich mich auf die Rückreise und bedauerte letztlich, dass ich zwei von drei Tagen im Flugzeug und Zug zugbracht habe…aber Finnland wäre ja auch mal ein schönes Urlaubsziel.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s