Gebissener Glanz oder Hohlguss mit zartem Schmelz

Ostern ist schon seit über einer Woche vorbei und die Tage eines jeden Schokoladenhasen sind gezählt. Die hübsche Form weicht dem profanen Zweck: Nervennahrung! Als ich nun heute beherzt meinem Schokohasen die Ohren abbiss, stellte ich mit Freude fest, dass er mir nicht nur als Energielieferant, sondern auch als Studienobjekt dienen kann.

Hohler Hase im Schleudertrauma

Abb01_Schokohase
Schokoladen-Osterhase. Foto: M. Mirschenz

Der gemeine Schokohase ist nicht massiv aus Schokolade gegossen, sondern innen hohl. In diesem Punkt ähnelt er nicht nur seinem weihnachtlichen Gegenstück, dem berühmten Schoko-Nikolaus, sondern sogar den bronzenen Statuen römischer Götter und Herrscher. Auch diese wurden, um sie leichter und erschwinglicher zu machen, im sogenannten Hohlgussverfahren hergestellt.

Im Gegensatz zur Bronzestatue jedoch, deren Einzelteile später zu einer ganzen Figur zusammengesetzt wurden, vermisse ich am Schokohasen jegliche Spuren eines solchen Vorgangs. Die Figur ist rundum nahtlos. Ich will wissen: Wie kommt das „Nichts“ in den Hasen? Eine Internet-Recherche bringt des Rätsels Lösung. Schokoladenhasen werden in einem maschinellen Schwenkgussverfahren hergestellt. Die warme flüssige Schokolade wird dabei in ein halbes Model gegossen, mit einer anderen Modelhälfte verschlossen und in mehrere Richtungen geschwenkt, während ein Kühlungsprozess in Gang gesetzt wird. Die Schokolade setzt sich während des Schwenkens und Abkühlens an den inneren Wänden des Models bzw. der hohlen Gussform ab. Aus dieser lässt sich die hasenförmige Süßigkeit nach vollständiger Abkühlung entnehmen.

Kern-Kompetenz römischer Bronzegießer

Der Hohlguss mit Bronze folgt einem anderen Prinzip. Man benötigt dabei einen Gusskern und einen Gussmantel, in deren Zwischenraum sich die heiße flüssige Bronze verteilen und erstarren kann. Der Weg hierhin ist allerdings ziemlich „tricky“.

 

Abb 02 Guss
Bronzeguss. Grafik: Chr. Duntze, LVR-LandesMuseum Bonn.

Für das sogenannte indirekte Wachsausschmelzverfahren braucht es ein Urbild, z. B. eine fertige Statue, die man „kopieren“ möchte. Von diesem Urbild formt man Gipsabdrücke, stellt also zunächst eine Negativform her. In diese wird eine Schicht aus warmem Wachs eingebracht, welche nach dem Erkalten fest und herausnehmbar ist. Die Wachsabformung entspricht wieder dem positiven Urbild. Alle Wachsstücke werden zu einer Statue zusammengebaut und anschließend in Körperteile zergliedert, die sich problemlos in einem Stück gießen lassen. Solch ein Wachskörperteil (z. B. ein Kopf) wird mit Ton gefüllt und anschließend mit Ton ummantelt. Von außen steckt man Nägel, sogenannte „Kernhalter“ hinein. Wenn nun die Form erhitzt wird, fließt das Wachs hinaus, während Kern und Mantel aushärten und über die Kernhalter miteinander verbunden bleiben. Es entsteht der benötigte Hohlraum, der in einem anschließenden Schritt mit Bronze ausgefüllt werden muss. Nach dem Einfüllen, Erkalten und Erhärten der Bronze wird der Tonmantel zerschlagen und der Kern weitestgehend entfernt. So verfährt man mit allen Körperteilen und montiert diese später zu einem ganzen Körper.

Hohlguss mit Hightech – seit über 2000 Jahren

Was dem Chocolatier die Rezeptur und die Conche ist der Bronzewerkstatt die geeignete Kupfer-Zinn-Blei-Legierung und diverse andere Betriebsgeheimnisse. Diese konnten nun – etwa 2000 Jahre später – mithilfe modernster naturwissenschaftlicher Analysemethoden wenigstens zum Teil gelüftet werden. Die römische Bronzegießerei ist aber nicht nur technologisch, sondern auch künstlerisch und ästhetisch faszinierend. Wer sich davon überzeugen möchte, dem sei ein Besuch der Sonderausstellung „Gebrochener Glanz – Römische Großbronzen am UNESCO-Welterbe Limes“ empfohlen, die bis zum 20.07.2014 im LVR-LandesMuseum Bonn zu sehen ist.

Manuela Mirschenz

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2 Gedanken zu „Gebissener Glanz oder Hohlguss mit zartem Schmelz

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