Wenn ein Römer erzählt – Kostümführungen im Museum

Ausstellungen zu besuchen macht Spaß und erst recht, wenn man diese in einer Führung erfährt, das stelle ich nicht nur bei den Besuchern unseres Hauses immer wieder fest, sondern auch bei meinen eigenen Ausstellungsbesuchen. Im LandesMuseum wird eine besondere Art von Führung angeboten: historische Kostümführungen. Was das ist, wer die macht und warum überhaupt, diese Fragen hat mir Christian Peitz, einer der Führungsmitarbeiter in einem Interview beantwortet:

Wer seid ihr?

Wir sind Teil des Teams der freien Besucherbegleiter und Museumspädagogen am LVR-LandesMuseum Bonn: Uschi Baetz, Sven Bayer, Julia Dicks, Ulrike Just, Dr. Beate Marks-Hanßen, Anne Mai, Sabine Peitz, Dr. Christian Peitz, Sebastian Schaaps und Désirée Struchhold. Wir alle sind erfahrene Kunst- und Kulturvermittler und teilen die Begeisterung für die Möglichkeiten, die der Einsatz von historischen Kostümen und die Mittel des Theaters und des Rollenspiels im Museum bieten.

Was sind historische Kostümführungen überhaupt?

Zunächst einmal sind das Führungen durch das Museum, bei denen der Besucherbegleiter in der Rekonstruktion historischer Kleidung auftritt. Kostümführungen heißen die Angebote übrigens nicht, weil wir in Fantasie- oder Karnevalskostümen auftreten. Ein Kostüm ist vielmehr eine Zusammenstellung von Kleidungsstücken, die zeitlich und regional typisch ist. Die Kostümkunde, ein Teil der Kunstgeschichte, setzt sich damit wissenschaftlich auseinander.

Wir unterscheiden bei unseren historischen Kostümführungen Angebote in der ersten und in der dritten Person. Ersteres bedeutet, dass der Besucherbegleiter – oder die Besucherbegleiterin – vollständig in die Rolle einer fiktiven oder tatsächlichen historischen Persönlichkeit schlüpft. Solche Führungen sind sehr aufwendig in der Vorbereitung und für Familienführungen nur sehr eingeschränkt tauglich, da gerade kleinere Kinder nicht immer einordnen können, dass da ein ganz normaler Mensch vor ihnen steht.

Eine Führung in der dritten Person bedeutet, dass der Besucherbegleiter zwar in der Rekonstruktion historischer Kleidung auftritt, jedoch nicht in eine Rolle schlüpft. Wir nutzen unsere historischen Kostüme dann eher als zusätzliches Transportmittel für Informationen. In dieser Form führen wir unsere historischen Kostümführungen im LVR-LandesMuseum Bonn in der Regel durch.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Oh, die Idee dazu gibt es schon sehr lange. Sie stammt aus dem angelsächsischen Raum. In den USA und im Vereinigten Königreich sind Geschichtsinterpreten in historischen Kostümen seit Jahrzehnten eine bewährte Methode der Vermittlung von Geschichte. Wir haben diese Idee irgendwann gemeinsam mit der Abteilung Bildung und Vermittlung und den wissenschaftlichen Fachreferenten vom LVR-LandesMuseum Bonn aufgegriffen und auf die hiesigen Verhältnisse angepasst. Wir haben dabei vom Museum auch tatkräftige Unterstützung erhalten, zum Beispiel in Form eines gemeinsamen Trainings zum Thema Körpersprache und Rollenspiel.

Warum macht ihr das?

Weil, wie bereits angesprochen, einerseits die historischen Kostüme ein zusätzliches Vehikel für Informationen sind. Andererseits aber machen die Kostüme Geschichte auch begreifbar – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist in einem Museum, in dem das Berühren der Exponate ja in der Regel nicht so erwünscht ist, ein ganz wichtiger Aspekt. Wir bieten den Museumsbesuchern also einen weiteren Kanal an, über den sie Informationen aufnehmen können. Und selbst wenn die Besucher unsere historischen Kostüme nicht selber anziehen können, so ist der Eindruck vom Leben der Menschen in der Vergangenheit doch deutlich intensiver. Denn Kleidung berührt uns alle – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie entstehen die Kostüme bzw. woher bekommt ihr sie?

An der Basis eines jeden neuen Kostüms steht erst einmal eine intensive Recherche. Zunächst einmal müssen Materialien und Accessoires geklärt, Schnitte ausgewählt und nicht selten auch noch selbst entworfen werden. Wenn das so weit ist, geht es in die heimischen Ateliers und Werkstätten.

Nicht jeder von uns ist ein Virtuose an der Nähmaschine. Aber da helfen wir uns durchaus gegenseitig aus. Der eine näht, ein anderer webt Bänder und Borten, wieder ein anderer fertigt Gürtel und Ledertaschen. Von Schuhen und Metallarbeiten lassen wir aber weitgehend die Finger. Diese werden meist bei spezialisierten Anbietern zugekauft.

Kleidung aus beinahe allen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ist außerdem zunehmend auch im Internet erhältlich – entweder sogar als Originale oder als gute Neuware nach alten Vorlagen.

Entwickelt ihr regelmäßig neue Kostümideen und erweitert euer Standardprogramm?

Ja, ständig. Wir bemühen uns, dass zu jeder größeren Sonderausstellung zumindest ein oder zwei Besucherbegleiter Führungen in passenden historischen Kostümen anbieten können, so aktuell auch zu den Ausstellungen „Krim – goldene Insel im Schwarzen Meer“ und „1914 – Welt in Farbe“.

Natürlich sind wir auch ständig bemüht, in unsere bestehende Kostümpalette neuere wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen zu lassen. Auch die Ergänzung mit weiteren Accessoires macht natürlich immer wieder Sinn. Und zum Schluss kommt es natürlich immer einmal wieder vor, dass es uns einfach reizt, wieder einmal etwas Neues, Schickes zum Anziehen zu machen.

Wie wichtig ist euch Originaltreue?

Sehr wichtig. Wir bemühen uns, unsere historischen Kostüme nach Material und vor allem Schnitt möglichst nach den historischen Originalen oder, wenn keine Originale mehr vorhanden sind, mit den zur jeweiligen Zeit möglichen Materialien und Schnitten herzustellen. Doch hier und da lassen sich, vor allem bei den Materialien, Kompromisse nur mit einem nicht vertretbaren Aufwand vermeiden. Solche Kompromisse gehen wir dann auch guten Gewissens ein. Diese vermitteln wir dann auch an die Museumsbesucher.

Wo findet man euch?

Buchbar sind unsere Führungen in historischen Kostümen, wie alle Angebote im LVR-LandesMuseum Bonn, über Kulturinfo Rheinland, www.kulturinfo-rheinland.de, 02234 9921-555. Einige von uns haben zudem gemeinsam die Agentur HisTOURical Bonn gegründet. Hier bieten wir Stadtführungen in historischen Kostümen an, von denen die eine oder andere auch ihren Abschluss im LVR-LandesMuseum findet. Unter www.hisTOURical-bonn.de sind wir im Internet zu finden.

Wann und wo ist die nächste Führung?

Am 15.12. und am 12.01. geht es jeweils um 15 Uhr durch die Ausstellung „1914 – Welt in Farbe“. Am 08.12. und am 19.01. geht es ebenfalls jeweils um 15 Uhr durch die Ausstellung „Krim – goldene Insel im Schwarzen Meer“.

Nicht zu vergessen ist natürlich die große historische Modenschau am 12. Januar 2014 ab 18 Uhr. Karten gibt es an der Museumkasse, bei BonnTicket und angeschlossenen Vorverkaufsstellen.

Was ist als nächstes geplant?

Derzeit planen und arbeiten wir an mehreren Baustellen. Eine der wichtigsten ist die Überarbeitung und Ergänzung der Kostüme, die wir auf der großen historischen, von www.hisTOURical-bonn.de konzipierten Modenschau im LVR-LandesMuseum zeigen werden. Vor allem die 10er und 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts stehen da ganz vorne an. Zudem arbeiten wir, passend zu den Aktivitäten in der Dauerausstellung im LVR-LandesMuseum, an der Ergänzung unserer keltischen Kostüme.

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3 Gedanken zu „Wenn ein Römer erzählt – Kostümführungen im Museum

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