Nichts als alte Steine? – Vier Wochen im Depot des LVR-LandesMuseum Bonn

Fensterlose Kühle umfing mich während des Sommers für vier Wochen bei der Arbeit im Depot des LVR-LandesMuseum Bonn. Ich bin für die Dauer von zwei Jahren als Volontärin in den Römerthermen Zülpich – Museum der Badekultur tätig. Innerhalb dieses Zeitraumes besteht die Möglichkeit, drei Monate nach Absprache in Bereichen oder Abteilungen des Museumsverbundes zu verbringen, die nicht in Zülpich liegen. Ich entschied mich unter anderem dafür, einige Wochen im Depot des LVR-LandesMuseum Bonn mitzuarbeiten, da sich dort der Großteil des Museumsbestandes befindet: All die Stücke, die aus Platzgründen nicht in der Dauerausstellung untergebracht werden können und alles, was auch noch aktuell im Gebiet des Landschaftsverbandes Rheinland bei Grabungen zutage gefördert wird.

Freundlichst wurde ich an meinem ersten Tag vom gesamten Team in Meckenheim empfangen und erhielt zunächst einmal eine Führung durch den durchaus großen Bau, der zurzeit auch noch erweitert wird. Alles ist dort selbstverständlich alarmgesichert und bewacht, Luftfeuchtigkeit und Temperatur werden Tag und Nacht konstant gehalten und kontrolliert. Zahlreiche Räume mit Unmengen von Gegenständen unterschiedlichster Art – feingliedrige Gerätschaften aus Bronze und zahlreiche Fragmente feiner Keramikkrüge und Bruchstücke filigraner Glasgefäße – liegen in Kisten sicher verpackt, sortiert und nummeriert in den Regalen.

Aber vor allem die Lagerstätten der Steindenkmale in den sogenannten Hochregalen, deren obere Abschnitte nur mit dem Hubwagen erreicht werden können, haben mich beeindruckt. Ein Glück für mich, dass ich in den kommenden vier Wochen hauptsächlich diese bearbeiten sollte. Denn mit der Revision dieser Räumlichkeiten beschäftigt sich der zuständige wissenschaftliche Referent Dr. Hans-Hoyer von Prittwitz und Gaffron bereits seit einigen Jahren. Von kleinen, bröseligen Bruchstücken kaum noch kenntlicher Zeugnisse aus der Urgeschichte über Sarkophage der Römer bis hin zu Architekturfragmenten des Altenberger Doms ruhen die Steinmonumente, teilweise schon seit vielen Jahren, und warten darauf in eine Ausstellung aufgenommen oder detailliert in einem wissenschaftlichen Text bearbeitet zu werden.

Die ältesten Objekte lagern schon seit über 100 Jahren in Depoträumen des LVR-LandesMuseum Bonn, auch wenn sich diese über die Zeit in ihren Positionen mehrfach verändert haben. So ist es nicht verwunderlich, dass bei der Revision die bereits angelegten Datensätze zu allen Stücken des Depots überarbeitet und auf diese Weise vereinheitlicht werden sollen. Dieser Arbeit durfte ich mich für vier Wochen anschließen.

Für einen Archäologen ist es immer das Schönste, wenn er mit Fundobjekten im Original, das heißt nicht nur mit der zugehörigen Literatur in den Büchern arbeiten kann. Es gibt immer viel Neues zu lernen, zu beobachten, zu diskutieren und wissenschaftlich zu interpretieren.

GabelstaplerDen spannendsten Moment während der vier Wochen im Depot bildete immer der erste Blick auf eine neu aus dem Regal geholte Palette (siehe Foto). Bunt gemischt kam so manche mit sogenannten Napoleonshüten – Mahlsteinen aus vorgeschichtlicher Zeit – neben römischen Jupiterstatuetten oder fränkischen Grabsteinen daher. Denn gelagert werden die Stücke je nach Platzangebot und Größe, nicht nach bestimmten, wissenschaftlichen Kriterien sortiert. So zeigte der erste Blick auf die Palette direkt, welche Aufgabe einen in der nächsten Stunde erwartete.

Sind die Stücke mit roten L-Nummern versehen, weiß man beispielswiese schnell, dass Prof. Hans Lehner diese schon in seinem 1918 erschienen Werk über die Steindenkmäler des damals so genannten Provinzialmuseums bearbeitet und gedeutet hat. Bei manch verriebener Stelle, die sich heute nur noch schwer erkennen lässt, ist ein Blick in sein umfassendes Werk sehr hilfreich. Und mit seiner Hilfe können im Rahmen der Revision  Stücke, die vermutlich durch einen Bombentreffer während des zweiten Weltkrieges getrennt worden sind, wieder zusammengesetzt werden und stehen der Forschung dadurch wieder in Gänze zur Verfügung.

Natürlich erfordert die Arbeit im Depot schon etwas Geduld. Alle Stücke müssen eingehend betrachtet, kurz beschrieben, fotografiert und teilweise auch die großen Brocken gedreht und gehoben werden, um an die wichtigen Ansichtsseiten zu gelangen. Die wissenschaftliche Einordnung erfordert breites Fachwissen für die unterschiedlichen Gattungen und je nach Erhaltungszustand auch Vorstellungsvermögen des Bearbeiters.

Zugegebenermaßen ist vielleicht auch nicht jedes Objekt ein echtes Highlight. Doch bei genauerem Hinsehen können manchmal ganz unscheinbare Bruchstücke Hinweise auf Denkmalgattungen geben, die man im Rheinland bisher so noch nicht kannte und damit einen neuen Forschungsaspekt eröffnen.

Vier Wochen gehen schnell vorbei. Neben dem netten, hilfsbereiten Team, das ich in Meckenheim kennenlernen durfte und den konkreten Fundstücken, die ich bearbeiten konnte, habe ich aus dem Depot für die Zukunft mitgenommen, dass es sich vor allem für angehende Wissenschaftler lohnt, sich dort umzuschauen. Auch wenn Revision und Inventarisierung angesichts der Massen an Stücken langwierige und anstrengende Aufgaben sind, so sind die Möglichkeiten zur Gewinnung neuer Erkenntnisse aus dieser Menge ebenso groß und spannend.

Silva Bruder

Advertisements

Ein Gedanke zu „Nichts als alte Steine? – Vier Wochen im Depot des LVR-LandesMuseum Bonn

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s